Foto: Till Oellerking

Alles bleibt anders

2010

Das Licht geht aus. Dann die ersten Gitarrenklänge, und Helge Schneider stakst zum Mikrofon. Er sagt nur zwei Worte: „Peter Maffay“. Das Publikum tobt. Schneider wartet ab. Solche Kunstpausen sind das A und O seiner Show. So wie jetzt in Frankfurt. „Zorro“ war auch dabei.

Wie die Sardinen sitzen die Zuschauer Seite an Seite – Bundfaltenhose neben Springerstiefeln, Hochsteckfrisur neben Dreadlocks. Heterogener geht es kaum. Im Seitenschiff der Alten Oper wackelt eine Biene mit gewaltigem Hinterteil auf ihren Platz. Womöglich kommt sie gerade erst vom Rosenmontagszug.

Das Licht geht aus. Doch wer mit spannungsgeladener, erwartungsvoller Stille rechnet, ist am falschen Ort. Im Gegenteil: Es wird gepfiffen; hier und da ruft jemand „Helge!“ Dann die ersten Gitarrenklänge, und Helge Schneider stakst sich kleinstellend auf die Bühne zum Mikrofon. Er sagt nur zwei Worte: „Peter Maffay“. Das Publikum tobt. Schneider wartet ab.

Südländer im roten Samtanzug

Solche Kunstpausen sind das A und O seiner Show. Schneider hat sie so perfektioniert, dass er, sogar ohne zu sprechen, reihenweise Lachanfälle unter den Zuschauern provoziert, indem er im richtigen Augenblick auf groteske Weise den Kopf schüttelt. Dennoch werden seine üblichen Witze über Peter Maffay nicht jünger, seine Parodie von Udo Lindenberg nicht überraschender. Auch Lakai Bodo ist wie eh und je mit von der Partie – diesmal im Kostüm Joseph Haydns. Mit selbstironischer Dekadenz lässt Schneider den Komponisten für sich rennen – und das Publikum rast. Ob es letztlich dieses Althergebrachte ist, was Schneider so außergewöhnlich macht? Nach wie vor wirkt sein Tun dilettantisch und improvisiert, dabei aber so perfekt auf den Punkt gebracht, dass man nicht glauben möchte, dass alles ungeplant ist.

„Komm hier haste ne Mark!“ heißt seine aktuelle, Kommasetzung ignorierende Konzertreihe. Warum sie so heißt, ist allerdings auch nach dem Besuch nicht klar. Aber „warum“ ist bei Schneider wohl nie klar. Man könnte meinen, seine Künstlerkarriere wäre ein einziger Egotrip, geleitet davon, dass sein Auditorium ihm trotz seiner Simplizität und Planlosigkeit zu Füßen liegt. So oft, wie er die Namen seiner Bandmitglieder nennt und für sie minutenlangen Applaus einbringt, scheint das jedoch weit gefehlt. „Die Drops“ nennt sich der bunte Haufen Stereotypen, der sich um Schneider schart: vom Südländer im roten Samtanzug über den Greis am Bass bis hin zum Engländer, der bei einem gefühlt unendlichen Schlagzeugsolo das Publikum in Atem hält.

Ein Hund namens „Zorro“

Ja, Schneiders Show ist nicht nur lustig und einfach. Sie ist vielmehr auch musiklastig und anspruchsvoll. Er selbst musiziert eifrig mit. Klavier, Saxophon, Gitarre, Trompete, Xylophon und andere Musikinstrumente spielt er im Lauf des fast dreistündigen Konzerts wie selbstverständlich. Dabei lässt er sich weder von dem kleinen Hund „Zorro“ stören, der zwischen seinen Beinen herumläuft, noch den famosen Klamauk außer Acht, der das Musizieren auch noch sehenswert macht.

Das Publikum singt und macht bis in die letzte Reihe mit. Zu „Fitze Fitze Fatze“ scheinen tatsächlich alle die Hände in die Luft zu reißen und „Hui!“ zu rufen. Selbstredend, wenn der Künstler selbst kein Schamgefühl kennt. Der forciert die Peinlichkeit schließlich geradezu. Immer wieder muss er sich die viel zu große Anzughose hochziehen, damit die ihn bei seinen Mätzchen nicht völlig entblößt. Einfach einen Gürtel zu tragen fällt ihm natürlich nicht ein. „Habe Angst vor Gürtelrose“, gibt er trocken zu. Unter die Linie desselben geht es aber dennoch nie. Dadurch unterscheidet Schneider sich wohl auch von Mario Barth und Co., denen im skandaldurstigen Alltag des Privatfernsehens nichts zu primitiv zu sein scheint. Das Publikum dankt es ihm mit einem rappelvollen Haus und donnerndem Applaus.

 

Foto: Till Oellerking

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