Foto: Christoph Reuter

Das schießt den Vogel ab

2016

Wo Männer auf Vögel schießen, Frauen nur schön aussehen und zum Fackelmarsch die Nationalhymne ­gesungen wird – Inga Schörmann nimmt euch mit zu einem Sauerländer Schützenfest.

Sauerland – das Land der tausend Berge und tiefste Provinz. Über einen dieser Berge führt ein schmaler Weg ins Frettertal. Der Blick von hier offenbart saftig grüne Wiesen, massig Nadelwald, graue Landstraßen, kleine Fachwerkbauten, Kühe und Pferde. Für mich: der schönste Arsch der Welt.

Hier bin ich aufgewachsen: im 750-Seelen-Ort Serkenrode, in dem sich jeder kennt und grüßt. In dem ich zwar nicht mehr wohnen möchte, weil ich mich zu sehr an die Vorzüge der Großstadt gewöhnt habe, in den ich aber gern regelmäßig zurückkehre. Vor allem einmal im Jahr: am vorletzten Juni-Wochenende. Komme, was wolle. Denn dann feiert das Dorf Schützenfest. Dann bauen die immer gleichen Schausteller den Autoscooter und Fressbuden auf. Dann schmücken die Dorfbewohner die Schützenhalle mit Eichen-Zweigen. Dann sind vor den Häusern grün-weiße Flaggen gehisst und es wabert der Geruch von Bier, Brutzelfleisch und Zuckerwatte durch die Straßen.

In meiner Brust schlagen seit meinem Wegzug zwei Herzen. Erzähle ich Freunden in der Stadt vom Schützenfest, schauen sie mich mit großen Augen an, in denen deutlich ein „WTF?!“ zu lesen ist. Ich höre mich dann auch in meinen eigenen Ohren seltsam verkehrt an. Die linke Öko-Feministin fährt zu einer Feier, bei der uniformierte Männer auf einen Holzvogel schießen, Frauen vor allem gut aussehen müssen und zum Fackelmarsch die Hand aufs Herz gelegt und die Nationalhymne gesungen wird? Never ever. Kaum aber liegt die Autobahn und das Ortsschild von Serkenrode hinter mir, wird mir feierlich zumute.

Mich erwarten drei harte Tage. Gleich am Samstag kommen aus Serkenrode und all seinen Nachbardörfern Leute in der Schützenhalle zum „Tanz“ zusammen – so heißt es im offiziellen Programm. Der eigentliche Anreiz ist wohl eher der Bierausschank. Ich selbst erlebe in diesem Jahr ein Fest völlig ohne Alkohol, denn ich bin schwanger. Dafür höre ich viele anerkennende Worte. „Schützenfest nüchtern? Unvorstellbar!“, sagt mein Freund Landmann Sonntagnacht mit glasigen Augen zu mir, als er das Gefühl hat, der Alkohol wirke nicht mehr. Erst dann fällt ihm auf, dass sich in meinem Blut maximal der Alkohol befindet, den ich über die stickige Hallenluft eingeatmet habe. Es ist Mitternacht und ich befinde mich bereits seit zehn Stunden unter Trinkenden. Nicht mal das konnte mich abhalten zu kommen. Und am nächsten Tag wird es um Punkt 10 Uhr morgens weitergehen.

Schützenbrüder ohne Waffenscheine

Ein anderer Freund, meine Kindergartenliebe Wulli, hat im vergangenen Jahr „den Vogel geschossen“. Ein Holzadler wird in einem halb offenen Kasten an der Vogelstange in die Luft gezogen. Darauf schießen einige Schützenbrüder so lange mit befestigten Gewehren, bis auch das letzte Stück Vogel gefallen ist. Derjenige, der zuletzt den Finger am Abzug hatte, ist dann Schützenkönig und darf sich eine Königin wählen.

Die Schützenvereine waren aber keineswegs immer Saufvereine zum reinen Vergnügen. Im Mittelalter, etwa um 1300, entstanden die ersten Bruderschaften, auf deren Tradition sich die heutigen berufen. Damals waren die Zeiten rau und die politische Lage war so instabil, dass sich Bürger zusammentaten, um Hab und Gut vor Raubrittern zu schützen und Dorf oder Stadt vor Eindringlingen zu sichern. Zuerst schossen sie mit Bogen und Armbrust, später mit Gewehr und Schießpulver. Heute hat der gemeine Schützenbruder in meinem Heimatdorf allerdings nicht mal mehr einen Waffenschein. Lediglich eine hölzerne Gewehrattrappe steht in seinem Schrank, die er nur für die zwei jährlichen Festzüge hervorholt und den Lauf mit einer Blume schmückt.

Frauen sind nur schmückendes Beiwerk

So auch Sonntagmittag. Wir treffen uns beim noch amtierenden Schützenkönig Wulli im Garten. Wir, das ist der Hofstaat: Freunde und Familie des Königspaares. Die Männer tragen Anzug, die Frauen Cocktailkleider und Blumensträuße. Überhaupt sind Frauen beim Serkenroder Schützenzug stets nur schmückendes Beiwerk, denn sie dürfen der Bruderschaft nicht beitreten und folglich auch nicht auf den Vogel schießen. Die Schützenköniginnen tragen in aller Regel lange wallende Ballkleider, für die sich das Paar in Unkosten stürzt. Wullis Freundin Kathi ist ganz in roten Tüll gehüllt.

Auch ich bin heute lediglich schmückendes Beiwerk. Ganz entgegen sämtlicher feministischer Überzeugungen gehe ich in einer pinken Chiffon-Robe im Hofstaat mit. Ich setze unweigerlich auf eine friedliche Revolution von innen. Hätte ich mich immer den konservativen Dorf-Sitten verweigert, wären die Verbindungen sicherlich längst gekappt. Stattdessen diskutiere ich etwa einmal im Jahr eine Nacht lang leidenschaftlich mit demjenigen, der mir gerade in die Quere kommt. Zuletzt an Ostern mit Ermit über Flüchtlingspolitik.

Auch wenn ich ansonsten klaglos mitmache: Schützenkönigin möchte ich nie werden. Es sei denn, ich darf eines Tages selbst auf den Vogel schießen. Da Letzteres so unwahrscheinlich ist wie ein Schützenfest mit allgemeinem Alkoholverbot, mache ich mir keine Sorgen, dass ich es einmal in die Tat umsetzen muss. Mit meiner Einstellung stehe ich nämlich alleine da, selbst unter den Serkenroder Frauen. „Es heißt ja nicht umsonst Schützenbruderschaft“, sagen sie. „Wenn Frauen eintreten dürften, würde das die gesamte Tradition verändern“, sagt meine älteste Freundin Annika. Was daran schlecht wäre, kann sie mir nicht konkret beantworten. Es wäre halt anders. Ich hingegen hasse es, dass mir wegen meines Geschlechts etwas verboten wird – und sei es, den Vogel zu schießen. Einzig deshalb behaupte ich, dass ich sofort mit draufhalten würde.

Für Fremde ist das Schützen­­fest ein Kulturschock

Mein Mann Alex würde aber sicherlich einen Herzinfarkt bekommen. Denn den kriegt er gerade schon fast, als ihm jemand erzählt, dass wir später gemeinsam mit dem Königspaar einen Standardtanz aufs Parkett legen müssen.

Alex ist gebürtiger Sachse, und im Gegensatz zum Durchschnitts-Sauerländer hat er noch nie einen Tanzkurs besucht. Sein erstes Schützenfest vor ein paar Jahren war der reinste Kulturschock für ihn. Am ersten Abend fand der große Zapfenstreich statt, der nur alle fünf Jahre auf dem Programm steht: Bei Dunkelheit marschieren Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr in traditionellen Uniformen mit brennenden Fackeln in die Schützenhalle. Gefolgt von zwei Spielmannszügen, die den feierlichen Marsch spielen, der auch erklingt, wenn Bundespräsidenten aus dem Amt verabschiedet werden. Zur Nationalhymne danach legen die Zuschauer ihre Hände auf die Brust und singen laut mit.

Auch mir ist damals zum ersten Mal bewusst geworden, wie martialisch das auf Fremde wirken muss. Wenn man wie ich mit diesem Brauch aufwächst, bemerkt man den seltsamen Beigeschmack zunächst gar nicht, zumal er im sonstigen Alltag des Dorfes auch keinerlei Bedeutung hat. Im Gegenteil: Die Dorfbewohner sind friedliebend, engagieren sich häufig ehrenamtlich und nehmen Fremde herzlich auf. Uniformen und Gewehre verstauben im Alltag.

Mittlerweile hat sich Alex an die kuriosen Bräuche gewöhnt. Nicht zuletzt, weil meine Freunde ihn sofort so gut integriert haben, dass er bei seinem ersten Frühschoppen als Erster auf dem Tisch getanzt hat. Jetzt kommt auch er immer wieder gern her, auch wenn die Verwunderung bleibt. Dass wir dieses Jahr im Hofstaat beim Festzug mitlaufen müssen, ist wieder mal eine possierliche Premiere für ihn. In Zweierreihen marschieren die Schützenbrüder gemeinsam mit zwei Spielmannszügen  durch den Ort und holen das Königspaar und seinen Hofstaat ab. Ein paar Kilometer Fußmarsch liegen vor uns, am Straßenrand stehen unzählige Leute, die uns betrachten und immer mal stürmisch grüßen, wenn sie jemand Bekanntes im Zug entdecken. Alex und ich halten uns an den Spruch der Pinguine aus dem Film „Madagascar“: stur lächeln und winken, lächeln und winken.

Der Weg führt zum Gefallenen-Denkmal vor der Kirche. Ein Mann in grüner Uniform mit Säbel und goldenen Schulterklappen löst sich von den Marschierenden. Es ist der Schreiner Geueke, der heute den Hauptmann macht. Er brüllt: „Schützenbrüder stillgestanden!“ Der Zug hält an. „Rechts um!“ Alle drehen sich ihm zu. „Richtet euch, Augen links!“ Alle schauen zum Ehrenmal. „Achtung, präsentiert das Gewehr!“ Alle halten die Gewehre nach vorn. Neben mir kichert jemand. Der Hauptmann schaut mit bösem Blick herüber, ein zischender Laut entfährt ihm. Man nimmt sich hier sehr ernst.

Als alle still sind, beginnt der Musikverein, den Marsch „Ich hatt einen Kameraden“ zu spielen. Leise Trommelwirbel, ein Trompetensolo, andächtige Gesichter – fast als wäre das Kriegsende nicht schon so lang her, dass wohl keiner im Festzug es miterlebt hat. Zwei Schützenbrüder legen einen Kranz vor dem steinernen Ehrenmal ab, auf dem „Den Opfern der Kriege 1914-1918 1939-1945“ zu lesen ist. Daneben der Bibelvers „Ich sage dir, stehe auf“. Die deutschen Schützenbruderschaften sind seit jeher eng verbandelt mit der katholischen Kirche. Nicht umsonst wird das Fest mit einem Hochamt eröffnet, einer besonders feierlichen Messfeier. Außerdem trägt der Verein im Namen den Schutzpatron Johannes, und wenn man in die Halle tritt, fällt der Blick sofort auf die roten Lettern „Glaube, Sitte, Heimat“ an der Wand – das Schützenmotto.

Zugegeben, beim Feiern merkt man davon sonst nicht allzu viel. Allerdings fällt auf, dass der „Bund der historischen Schützenbruderschaften“ (BHDS) ähnlich konservative Werte vertritt wie die katholische Kirche. Er untersagte einem schwulen Schützenkönig beim Bundeskönigschießen 2011, mit seinem Partner an der Seite im Festzug zu gehen. Der musste in zweiter Reihe seinem Mann hinterhermarschieren. König und Königin seien „Ausdruck und Einbeziehung der Wertschätzung beider menschlicher Geschlechter in ihrer gegenseitigen Ergänzung“, hieß es damals in einer offiziellen Stellungnahme des BHDS.

Das nächste Debakel folgte 2014: Im westfälischen Sönnern hatte ein Moslem den Vogel geschossen. Der BHDS wollte ihm darauf am liebsten die Königswürde entziehen, denn laut Statuten hätte er nicht mal Mitglied der Bruderschaft sein dürfen, weil diese „eine Vereinigung von christlichen Menschen“ sei.

Reform des Schützenbundes dringend nötig

Mein Mann Alex ist Atheist und dürfte dann auch kein Schützenbruder sein. Als meine Freunde ihm aber eine Stunde nach dem ersten Betreten der Schützenhalle die Beitrittserklärung unter die Nase hielten, den Stift bereits gezückt, hat niemand danach gefragt, ob er überhaupt Mitglied der Kirche ist. Und in den genannten Fällen war den Vereinen vor Ort die sexuelle Orientierung und Religionszugehörigkeit ihrer Könige herzlich egal. In Sönnern haben die Schützen den Vorstoß des BHDS einfach ignoriert: Der muslimische König hat sein Regentenjahr durchgezogen.

Kein Wunder, dass es in den Vereinen Rufe nach einer Reform des BHDS gibt. Immerhin sieht ein noch nicht verabschiedetes Diskussionspapier nun vor, dass der Bund auf Eingriffe vor Ort verzichten will und auch Nicht-Christen Mitglied werden dürfen, solange „sie sich zu den christlichen Zielen der Schützenbruderschaften bekennen”.

Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn in Serkenrode ein Schwuler oder Anders-Gläubiger Schützenkönig würde. Ich möchte gern glauben, dass es kein Problem wäre. Denn die Bruderschaft ist eine integrierende und inkludierende Institution im Dorf. Neu Zugezogene lernt man hier spätestens nach ein paar Bieren auf dem Schützenfest kennen und nirgendwo sonst feiern so viele Generationen miteinander.

Auch dieses Jahr am Schützenfestmontag. Üde, Mitglied des örtlichen Spielmannszugs, hat in den Morgenstunden mit dem 62. Schuss den Vogel runtergeholt. Nun huldigt das Dorf dem neuen König und seiner Frau Anja beim Frühschoppen. Zu Blasmusik schmücken sich Alt und Jung mit Schießbuden-Accessoires, machen Polonaisen und fallen vor dem neuen Regentenpaar auf die Knie. Am Imposantesten feiern die „Wildsauen“, ein Stammtisch von Frauen, die mittlerweile um die 80 Jahre alt sind. In meiner Erinnerung haben sie noch nie beim Frühschoppen gefehlt. Ich beobachte, wie mein Schulfreund Chrissi ihnen eine Flasche Sekt an den Tisch bringt, sich dazu setzt und mit ihnen „klönt“, wie man im Sauerland sagt. Die Frauen haken sich sofort bei ihm unter.

Eingetaucht in eine Parallelwelt

Nicht nur in diesem Moment habe ich das jährlich wiederkehrende Gefühl, in eine Parallelwelt eingetaucht zu sein. All die Menschen, mit denen ich in der Großstadt wohl niemals in Kontakt käme, erden mich. Aber der tägliche Gang zur Imbissbude offenbart mir auch, weshalb ich so gern in meine Wahlheimat zurückkehre: Von fleischlosen Burgern und Burritos aus Food-Trucks verwöhnt, bleibt mir hier als Vegetarierin nur die Wahl zwischen Pfannenkartoffeln, Pommes und Reibekuchen.

Und dann befinde ich mich wieder auf der Tanzfläche, die Blasmusik hat die Segel gestrichen, die Band beginnt ein neues Lied, dessen erste Töne mir nichts sagen. Alle anderen rasten aus, als sie das Jodeln hören. „Ich liebe es!“, ruft Beltzebub und zieht Karina zur Bühne. Später lerne ich: Das Lied heißt „Hulapalu“ und ist im Original von Andreas Gabalier. Und ich dachte, „Annen May Kantereit“ wäre der letzte Schrei.

 

Foto: Christoph Reuter

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