Foto: Anne Dobler

Das Ur-Instrument des Menschen

2014

Die Stimme verrät mehr über uns, als uns bewusst ist – und kann ganze Karrieren entscheiden.

Drei graue Sessel auf einer Bühne, auf ihnen sitzen Frauen in schicker Garderobe. Sie sprechen durch Mikrofone, ihre Stimmen klingen ruhig, gelassen, fast schon ungewöhnlich tief für das weibliche Organ. Die mittlere der drei ist Angela Merkel. Sie trägt ein türkisfarbenes Jackett, mit den Fingern formt sie gelegentlich gedankenverloren eine Raute, und je nach Gesprächspartnerin schaut sie zwischen Brigitte Huber und Meike Dinklage vom Frauenmagazin „Brigitte“ hin und her.

Viel besprochen war das „Brigitte“-Interview mit der Kanzlerin in der deutschen Presse. So offen hatte man Frau Merkel selten gesehen, sprach sie doch etwa darüber, was sie an Männern attraktiv findet und was sie denkt, wenn sie kocht. Nur eine Aussage blieb wenig zitiert, nämlich dass die tieferen Stimmen der Männer in der Politik von Vorteil seien. „Wenn ich mich selber piepsig höre, bin ich nicht recht mit mir zufrieden“, sagte Merkel. Mehr noch: Sie benutze tiefe Töne heute sogar häufiger als früher.

Tyrannei der Tiefe

Immer wieder ist zu lesen, dass tiefe Stimmen durchsetzungsfähiger seien als hohe. Die britische Sachbuchautorin Anne Karpf spricht gar von der „Tyrannei der Tiefe“, eine These, die schon von zahlreichen Studien belegt wurde. Geschäftsführer von Dax-Konzernen etwa sprechen tendenziell tiefer als ihre Altersgenossen mit gleichem Bildungsgrad. Und selbst dominante Tiere stoßen meist tiefere Laute aus als rangniedrigere.

Christa Maria Jürgens, studierte Opernsängerin und Stimmtherapeutin, will das nicht pauschalisieren. „Aber die Tendenz stimmt: Sonore Stimmen werden im Allgemeinen ernster genommen.“ Sonor – das bedeutet volltönend, nicht zwingend tief. Denn die Stimme setzt sich aus verschiedensten Frequenzen, Höhen wie Tiefen, zusammen.

Für Jürgens ist klar: privater wie beruflicher Erfolg hängt in großen Teilen von der Stimme einer Person ab. „Die Persönlichkeit eines Menschen liegt auf den Stimmbändern.“ Es sei unmöglich, einen schüchternen Menschen zu finden, der laut und intensiv spricht.

Im Unterricht setzt die Gesangspädagogin aus dem Sauerland deshalb auch auf Persönlichkeitsbildung. Ihre Stunden drehen sich nicht nur um Töne – sie fordert ihre Schüler etwa auf, aufrecht zu stehen, sich nicht für ihre Pfunde zu schämen, lauthals zu lachen und körperlich wie charakterlich auch mal aus sich heraus zu kommen. „Wer die Stimme trainiert, arbeitet auch automatisch an seiner Persönlichkeit. Beides ist gleichbedeutend“, sagt sie.

Hanno Herzler, Sprecher und Sprechtrainer, stimmt ihr zu. Auch könne man der Stimme die emotionale Verfassung eines Menschen anhören. „Unter Stress, etwa beim Vorstellungsgespräch, wird die Stimme häufig höher, rückt aus dem unteren Zwerchfellbereich hoch“, sagt er. Beim Reden geben wir also oft mehr über uns preis als das rein Gesagte. Wer lügt, dem hört man etwa oft ein leichtes Zittern an – oder er klingt belegt.

Mit der richtigen Technik kann man Unsicherheit allerdings kompensieren. Herzler spricht von dem Gegensatzpaar Spannung und Druck. Demnach klingen Töne meist gut, die durch Körperspannung erzeugt werden. Druck hingegen beansprucht die falschen Muskeln und führt zu gequetschten Lauten. Wer den Unterschied nicht auf Anhieb begreift, dem rät Jürgens, versuchsweise über einige Entfernung nach einem anderen Menschen zu rufen. „Dafür braucht der Körper eine Grundspannung, damit man ihn auch wirklich erreicht.“ Druck sei eher kontraproduktiv. Wer gequetscht oder quäkig klinge, dem würden außerdem regelmäßige Gähnübungen helfen, sagt Herzler. Das weite die Kehle und lockere verspannte Muskeln.

Der „Cinderella-Komplex“

Denn eine gefestigte Stimme macht sympathischer und durchsetzungsfähiger. Laut einer Studie der Technischen Universität Berlin empfinden wir etwa besonders hohe Frauenstimmen als zu „kleinmädchenhaft“. Herzler spricht vom „Cinderella-Komplex“ – denn Frauen, die höher sprechen, als sie natürlich veranlagt sind, sind nicht selten. Die Wissenschaft spricht hier von gesellschaftlich geprägten Signalen der Hilflosigkeit.

Kein Wunder, dass sich die weibliche Tonlage in den letzten Jahrzehnten verändert hat, hat sich die Rolle der Frau doch gewandelt. Um durchschnittlich 23 Hertz haben Europas Frauen ihre Stimmlagen in den vergangenen 50 Jahren abgesenkt. Eine Entwicklung, die auch Herzler in den letzten 20 Jahren bemerkt hat. „Heute sprechen die Frauen, die zu mir kommen, durchschnittlich viel natürlicher.“

Doch auch das andere Extrem hat Herzler bereits beobachten können. Es gibt Frauen, die absichtlich sehr tief sprechen. Der Sprechtrainer aus dem hessischen Greifenstein glaubt, das habe häufig eine psychosomatische Ursache. „Frauen, die natürlich reden, sprechen oft in einer Höhe, die Männer erst erreichen, wenn sie unsachlich werden. Das signalisiert manchem Mann unterbewusst, dass er sie nicht ernst nehmen muss.“ Also versuchen einige Frauen, mit Druck tiefer zu sprechen, als es ihre Natur ist, um mit Männern besser konkurrieren zu können. „Das ist sehr ungesund für die Stimmbänder“, sagt Herzler. Für tiefere und vollere Töne kann kontinuierliches Stimmtraining sorgen.

Die Muttersprache

Wie man spricht, ist sehr stark von der Familie und dem Umfeld geprägt. Nicht umsonst spricht man von „der Muttersprache“. Forscher können einer Stimmführung ganze Teile der dahintersteckenden Lebensgeschichte entnehmen. Und so mancher Erpresseranruf hat schon zur Überführung des Täters geführt. „Kinder übernehmen häufig das Sprachmuster ihrer Eltern, manchmal sogar Sprachstörungen“, sagt Jürgens.

Auch in Bezug auf den Dialekt trifft das zu. Herzler beobachtet in seinen Rhetorik-Seminaren meist zwei konträre Meinungen, wenn es um dieses Thema geht. Viele seien sehr eins mit ihrem Dialekt und behaupteten fast schon trotzig, ihn niemals zu Gunsten des Hochdeutschen ablegen zu wollen. „Andere flehen mich geradezu an, dass ich ihnen helfe, den Dialekt ablegen zu können.“

Herzler rät, es mit dem Dialekt wie mit der Kleidung zu halten, nämlich dem Anlass entsprechend. „Schließlich tragen wir auf der Baustelle auch kein Abendkleid und in der Oper keinen Blaumann.“ Im Vorstellungsgespräch könne ein ausgeprägter Dialekt unprofessionell wirken, während die Freunde aus der Heimat einem eine gediegene Artikulation womöglich als hochgestochen vorwerfen.

Wie man es damit hält, bleibt letztlich jedem selbst überlassen. Sicher ist jedenfalls, dass es nicht schaden kann, die eigene Stimme zu trainieren – denn sie berührt das Gegenüber wie kaum ein anderer Sinn. Oder wie Jürgens es sagt: „Sie ist das Ur-Instrument des Menschen, das unmittelbar die Seele erreicht.“

 

Foto: Anne Dobler

Schlagwörter: , , ,