Foto: Nathan Put-Fernandez

Die fabelhafte Welt des Waldkindergartens

2010

Schaukeln zwischen Bäumen, Tiere und Pflanzen kennenlernen, bei fast jedem Wetter draußen sein: zu Besuch in drei Einrichtungen, die Kinder in der freien Natur betreuen.

Mützen auf, Matschhosen an, Rucksäcke schultern – und dann geht es in Zweierreihen in den Schwanheimer Wald. Ein Pfad schlängelt sich zwischen Laubbäumen hindurch zum “Kerzenplatz”, einer kleinen Lichtung mit einem Baumstumpf in der Mitte. Hier beginnt für die Kinder des Waldkindergartens Schwanheim jeden Morgen der Tag. Sie stehen im Kreis um den Stumpf und fassen sich an den Händen. Ein Specht hämmert über ihren Köpfen, und Luca darf zählen, wie viele Kinder heute dabei sind. Es sind 14.

Bei Wind und Wetter in den Wald – das machen nicht nur die Schwanheimer Kinder so. In fünf Kindergärten in Frankfurt gehen die Erzieher und die Kinder bei jeder Witterung nach draußen. Allerdings ist nur die Einrichtung in Schwanheim ein reiner Waldkindergarten, bei dem die Zeit ausschließlich im Wald verbracht wird und es nur zum Mittagessen in ein festes Haus geht. Die anderen vier sind sogenannte integrierte Waldkindergärten.

Das gilt auch für die “Waldmäuse” des Kindergartens der Evangelischen St.-Thomas-Gemeinde Heddernheim. Die Nachmittage verbringen die Kleinen dort in der guten Stube, aber morgens um 8.30 Uhr – zur gleichen Zeit, wenn sich die Schwanheimer Kinder auf den Weg in den Wald machen – fahren die “Waldmäuse” mit der U 3 zum Wald bei Oberursel-Hohemark.

“Dann setzen wir halt die Kapuze auf”

Der Himmel ist grau, die Luft feucht-kühl. Es regnet. Doch “Waldmäuse” haben ein dickes Fell: “Dann setzen wir halt die Kapuze auf”, sagen die Erzieherinnen. Trotzdem geht es heute nicht wie sonst in den Wald. Spontan unterbrechen sie das Lied über Indianer und verlassen die Bahn mit den Kindern schon eine Station vorher: Oberursel-Waldlust. Dort hat der Kindergarten ein kleines Grundstück im Wald gemietet, auf dem ein paar Bäume, ein Bauwagen und eine Gartenhütte stehen. Kaum angekommen, sitzen Simone und Fionn schon in den Bäumen, und Julius kehrt mit einer Harke Laub zusammen. “Das kommt auf den Komposthaufen. Später wird das unter das Beet gegraben, damit die Erde lockerer wird”, sagt er. Auf dem Beet wollen die Kinder mit Erzieherin Corinna Bachmann im Sommer Gemüse und Kräuter pflanzen.

“Besonders Großstadtkinder können im Waldkindergarten Erfahrungen machen, die sie so vermutlich nie wieder machen werden”, sagt Ute Constant, die die “Waldmäuse” seit nunmehr sieben Jahren betreut. Während im Regelkindergarten vieles vorgegeben sei, könnten ihre Schützlinge ihrer Phantasie freien Lauf lassen. “Sie können matschen und Löcher im Wald graben, aber auch mit Tannenzapfen basteln.”

Ähnlich geht es in der Gruppe “Waldmonster” des Kindergartens “Hoppetosse” am Dornbusch zu. Allerdings hat die mit Wald eigentlich nichts zu tun, wie Gruppenleiter Roland Braun-Ianotti erläutert. “Wir sind nie im Wald, aber dafür immer draußen in verschiedenen Grünanlagen.” Das Team der “Hoppetosse” hat die Waldkindergarten-Idee auf die Großstadt übertragen. Jeden Tag geht es mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Parks, auf Abenteuerspielplätze und dienstags und donnerstags zum eigenen “Waldkindergarten”. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein großer Garten am Hausener Freibad mit einer Wiese, einem Teich und einem Bauwagen.

“Hechte fressen andere Fische. Aber das ist nicht böse, das ist ihre Natur.”

Der Waldkindergarten soll den Kleinen jedoch nicht nur die Großstadt nahebringen, sondern auch den bewussten Umgang mit der Natur. Am Weiher im Ostpark fragt Torben, ob böse Fische darin seien. “Nein”, sagt Braun-Ianotti, “vielleicht gibt es Hechte. Die fressen andere Fische. Aber das ist nicht böse, das ist ihre Natur.” Im Lauf des Vormittags erzählt Braun-Ianotti, der einen grünen Bollerwagen mit Proviant und Wechselkleidung dabeihat, aber nicht nur von Hechten. Er zeigt den Kindern auch Fischreiher, Gänse und ein leeres Weinbergschneckenhaus und erklärt, dass die Mistel in den Bäumen im Park eine Schmarotzerpflanze ist.

Auch der Erzieherin Heidi Peter vom Waldkindergarten Schwanheim ist es sehr wichtig, ihren Schützlingen viel Wissen über die Natur zu vermitteln. Seit zehn Jahren zieht sie jeden Tag mit den Kindern in die freie Natur, inzwischen hat sie auch eine Weiterbildung zur Waldpädagogin gemacht. Immer wieder zeigt sie den Kleinen, was da am Wegesrand keimt und krabbelt, und als sie auf dem “Leiseweg” zum “Apfelbaumplatz” gehen, sind alle Kinder mucksmäuschenstill und lauschen dem Zwitschern der Vögel. Besonders das Trommeln der Spechte, von denen es im Schwanheimer Wald viele gibt, hat es ihnen angetan.

Am “Apfelbaumplatz” angekommen, beschäftigen sich ein paar der Kinder mit Stöcken und Steinen, andere spielen Fangen, und Lara legt sich zwischen ein paar Baumstämmen auf den Boden und ruht sich aus. Um 10 Uhr wird gefrühstückt, jedes Kind hat einen Rucksack mit Essen und Trinken dabei. Die Heddernheimer “Waldmäuse” haben sich dagegen an diesem Tag wegen des Regens zum Frühstück in ihren Bauwagen zurückgezogen. Doch bevor sie es sich auf Baumstümpfen um den niedrigen Tisch gemütlich machen, müssen sie sich die Hände waschen. Diese Woche haben Josi, Yves und Julius Wasser-, Handtuch- und Lavaerde-Dienst. Ein Kind nach dem anderen nimmt aus dem Tiegel, den Julius ihm hinhält, etwas Lavaerde und verreibt sie in der Hand. Sie dient als Seife. Dann waschen sie sich unter dem dünnen Strahl aus der Wasserflasche die Finger. Um Wasser zu sparen, wurde in den Deckel der Flasche ein Loch gebohrt.

Nach dem Frühstück können die 13 Jungen und sieben Mädchen tun, was sie wollen. Und obwohl sie kein Spielzeug dabeihaben, wissen sie sich bestens zu beschäftigen: Einige klettern in die Bäume, andere graben mit Händen und Schippen ein Loch, und ein paar gießen mit dem Wasser aus der Regentonne das Beet.

“Ich muss mal groß aufs Klo.”

Im Waldkindergarten Schwanheim gibt es ebenfalls kein Spielzeug, und bei den “Waldmonstern” liegen nur ein Ball und Seile im grünen Bollerwagen. “Mit den Seilen bauen wir manchmal Schaukeln zwischen zwei Bäume”, sagt Erzieher Braun-Ianotti. Hin und wieder machen die “Waldmonster” aber auch an Spielplätzen wie jenem am Weiher im Ostpark Rast. Dort ziehen die Gänse am Ufer und die Fische im Teich die Kinder in ihren Bann – und es dauert nicht lange, da ist Torben in den Teich gefallen. Doch einem “Waldmonster” macht das nichts aus: Ohne Murren setzt sich der Junge auf die Bank in die Sonne und lässt sich von Erzieherin Melanie Scheuer umziehen. Dann kommt auch Lukas zur Bank. “Ich muss mal groß aufs Klo.” Doch das ist weit und breit nicht zu sehen. “Wir machen es wie die Hundebesitzer”, sagt Braun-Ianotti, kramt eine Tüte hervor und verschwindet mit Lukas hinter einem Baum.

Zum Mittagessen geht es zurück zur “Hoppetosse”. Dort verbringen die Kinder den Nachmittag, manche bleiben bis 17 Uhr. Die “Stubentiger” – sie sind die zweite Gruppe des Kindergartens – warten schon. Ihnen haben die “Waldmonster” nach Ansicht von Braun-Ianotti einiges voraus: Sie seien deutlich seltener krank und hätten bessere motorische Fähigkeiten. Aber es gibt auch Nachteile: “Im Sommer sind Wespen eine Plage”, sagt der Betreuer, “und für freilaufende Hunde habe ich auch kein Verständnis.” Die Schwanheimer Pädagogin Heidi Peter kennt noch ein anderes Problem: Es sei schwierig, für den Waldkindergarten Mitarbeiter zu finden. “Die Kinder wollen raus, die Erzieher bleiben lieber drinnen.”

 

Gesund im Grünen

Übergewicht, Haltungsschäden, Aufmerksamkeitsstörungen – immer mehr Kinder leiden darunter. Nach Überzeugung von Marie-Luise Sander, Vorsitzende des Bundesverbands der Natur- und Waldkindergärten, kann die Betreuung in freier Natur Abhilfe schaffen.

Der Name ist Programm. Zwar ist der Begriff “Waldkindergarten” nicht geschützt, aber der Bundesverband definiert ihn laut Sander als “eine Einrichtung, die mindestens vier Stunden am Tag und fünf Tage pro Woche unabhängig vom Wetter draußen verbringt, die vorrangig mit Naturmaterialien arbeitet und künstlich gefertigtes Spielzeug nur in zweiter Linie nutzt”. In Deutschland gibt es weit mehr als 700 Waldkindergärten, wie Sander sagt. Ursprünglich kommt die Idee aus Skandinavien, wo es seit 1951 solche Kindergärten gibt. Der erste echte in Deutschland entstand 1993 in Flensburg.

Heute haben Waldkindergärten kaum andere Richtlinien zu erfüllen als Regelkindergärten. In Hessen müssen mindestens zwei Erzieher eine Gruppe von zwanzig Kindern betreuen, bei Regelkindergärten sind nur eineinhalb Stellen vorgeschrieben. Das sei aber auch die einzige besondere Auflage, sagt Monika Wedertz, Zweite Vorsitzende des Bundesverbands. Es gebe nicht mal die Bedingung, dass die Erzieher Naturpädagogen sein müssten. Eine einfache Ausbildung zum Erzieher oder ein Sozialpädagogikstudium reichten aus. Auch gelten für die naturverbundenen Einrichtungen die gleichen Bildungsrichtlinien wie für Regelkindergärten.

Laut einer Studie des Pädagogen Peter Häfner schneiden Waldkinder sogar deutlich besser bei der schulischen Reife ab. In seiner Dissertation von 2002 hat Häfner die Vor- und Nachteile solcher Kindergärten untersucht. “Kinder aus Waldkindergärten haben ein auffällig besseres Sozialverhalten als Kinder aus Regelkindergärten”, sagt Häfner. Außerdem sind sie seiner Studie zufolge kreativer und sprachgewandter. Weil es im Wald keine Spielsachen gebe, seien viel mehr Phantasie und Kommunikation gefragt.

Doch der Waldkindergarten scheint nicht nur Vorteile zu haben. Die Lehrer beurteilten die Feinmotorik ihrer Schützlinge aus dem Regelkindergarten als wesentlich besser. “Deshalb sollte die Geschicklichkeit der Hände im Waldkindergarten besonders gefördert werden”, sagt Häfner.

Man unterscheidet zwischen reinen Waldkindergärten, die meist halbtags geöffnet sind, und integrierten, in denen sich die Kinder nachmittags drinnen aufhalten. Für Häfner ist der integierte Waldkindergarten die ideale Form. In der Großstadt lernten die Kinder außerdem das tägliche Bus- und Bahnfahren und den Umgang mit Verkehr. Besonders für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizitstörungen eigneten sich Einrichtungen in freier Natur, weil sie dort ihren Bewegungsdrang ausleben könnten. Vor allem Mädchen profitierne von Waldkindergärten, wenn Häfner glauben darf: “In meiner Studie haben sie in fünf von sechs unterschiedlichen Bereichen besser als ihre männlichen und weiblichen Mitstreiter aus Regel- und Waldkindergärten abgeschnitten.”

 

Fotos: Nathan Put-Fernandez

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