Foto: Interxion Deutschland

Ein Flughafen für Daten

2013

Unternehmen bringen ihre Großcomputer gerne dort unter, wo sich viele Rechner ihrer Branche befinden – damit Online-Transaktionen nicht an Millisekunden scheitern. Frankfurt ist so ein Ort. Peter Knapp macht sich die Vorteile des Standorts zunutze und bietet Unternehmen sieben Rechenzentren für ihre Großcomputer an.

Peter Knapp hält eine weiße Karte in Kreditkartengröße an einen schwarzen Kasten. Sofort gleitet neben ihm eine halb-ovale Glastür lautlos nach links und gibt den Blick auf eine „Personenvereinzelungsanlage“ frei. Eine Zutrittsschleuse, die ein wenig so aussieht wie die Nacktscanner an amerikanischen Flughäfen. Knapp tritt auf den dunkelgrauen Linoleumboden der Schleuse, hinter ihm schließt sich die Tür. Unbemerkt misst eine Waage im Boden sein Gewicht, damit keine zweite Person mit ihm in das Gebäude gelangt. Dann legt er seinen Daumen auf einen münzgroßen Scanner, der den Fingerabdruck mit einem auf der Karte hinterlegten vergleicht. Die Tür zur anderen Seite öffnet sich.

Das Rechenzentrum FRA7 im Frankfurter Stadtteil Ostend ist ein Hochsicherheitstrakt. Dabei sieht es von außen gar nicht danach aus: ein zweistöckiges Gebäude ohne Fenster, viele Rohre, ein paar hellgraue, große Kästen auf dem Dach – Kühlaggregate. Diese Geräte gewährleisten, dass die unzähligen Rechner im Inneren von FRA7 nicht heißlaufen. In Spitzenzeiten übertragen sie in einer Sekunde etwa die Datenmenge, die auf 70 DVDs passt. Wenn sie ausfallen würden, wäre das so ziemlich das Schlimmste, was Peter Knapp passieren könnte. Abgesehen vielleicht von einem Stromausfall. Oder einem Anschlag.

Foto: Interxion DeutschlandRäume für Rechner

Knapp ist Geschäftsführer der Interxion Deutschland GmbH, einer der führenden Rechenzentrenbetreiber Europas. Rechenzentren sind die Orte, an denen Unternehmen ihre zentralen Großcomputer unterbringen. Sie sammeln hier ihre Datenverarbeitungsanlagen in sogenannten Hubs, branchenspezifischen Gruppen. Denn die geografische Nähe der Computer kann ein wirtschaftlicher Vorteil sein. Etwa wenn es darum geht, mit Aktien zu handeln oder Online-Werbung zu schalten – oft zählt für einen lukrativen Deal schon ein Vorsprung von wenigen Millisekunden.

Interxion liefert dazu die nötige Infrastruktur. Das bedeutet, keiner der Rechner hier gehört dem Unternehmen selbst. Lediglich die sieben Gebäude und damit rund 10000 Quadratmeter Fläche, knapp eineinhalb Fußballfelder, stellt das Unternehmen seinen Kunden zur Verfügung – mitsamt Klimatisierung, Strom, Brandschutz, Sicherheitspersonal und -technik. Zwei weitere Rechenzentren baut Interxion derzeit. Sie sollen in den kommenden zwei Jahren fertiggestellt werden und zusätzliche 2600 Quadratmeter Fläche für Rechner bringen. „Wir sind ein Flughafen für Daten“, sagt Knapp. „Wir bauen nur langweilige Infrastruktur – die Flugzeuge und Geschäfte kommen von anderen.“

Knapp spricht den Namen Interxion „Interaction“ aus; woher die spezielle Schreibweise komme, könne niemand hier genau sagen. Denn Interxion ist eigentlich ein niederländisches Unternehmen und Frankfurt nur einer von 18 Standorten in elf Ländern. Doch Frankfurt ist besonders. Denn hier befindet sich der größte Internetknoten der Welt, der DE-CIX. Hier sind mehr Telekommunikationsanbieter an einem Ort zusammengeschlossen als irgendwo sonst auf der Welt. Die Hälfte von diesem Knoten befindet sich in den Frankfurter Rechenzentren von Interxion.

Und noch etwas unterscheidet den Standort von anderen: An der Hanauer Landstraße und an der Weißmüllerstraße laufen die zwei wichtigsten Internettrassen Europas so nah zusammen wie nirgends sonst. „Es sind riesige Bündel Glasfaserkabel, die Ost- und Westeuropa miteinander verbinden“, sagt Knapp. Und genau zwischen ihnen liegt der Rechencampus von Interxion. Wenn also die eine Straße wegen Bauarbeiten aufgebaggert wird, hat er auf der anderen Seite immer noch eine problemlose Anbindung an das Internet.

Innovation auf dem Land

Auch Knapp selbst ist tief im Rhein-Main-Gebiet verwurzelt. Für Interxion arbeitet er seit elf Jahren als Geschäftsführer und wohnt wieder in seinem Geburtsort Griesheim, einer Stadt im Hessischen Ried nahe Frankfurt. Davor war er meist für amerikanische Unternehmen tätig, aber hat die Heimat nie für länger verlassen. „Ich mag es, in einem internationalen Umfeld zu arbeiten“, sagt er. „Aber ich habe auch viel für Lokalkolorit übrig.“

Als er sein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Goethe-Universität Frankfurt abschloss, habe er gedacht, dass es ihn wohl zu einer Bank verschlagen werde. Er habe schon einen Vertrag auf dem Tisch gehabt, als er in einer Zeitung ein Inserat eines Software-Unternehmens für Business-Intelligence las. „Da habe ich noch kaum gewusst, wie man überhaupt einen Computer anschaltet“, sagt Knapp. Doch das Vorstellungsgespräch in dem kleinen Haus auf dem Land – nebenan ein Schweinestall, der Chef bärtig und bodenständig – verlief so gut, dass er sofort dort anfing. In dem kleinen Unternehmen im hessischen Erzhausen hat er seine Begeisterung für elektronische Datenverarbeitung gefunden und sogar Programmieren gelernt. Er war frühzeitig Berater für das, was heute mit dem Begriff Big Data in aller Munde ist: eine Software, die Unternehmen schon damals dazu befähigte, ihre zahlreichen Daten sinnvoll auszuwerten. „Zum Glück bin ich dort gelandet“, sagt Knapp, denn aus heutiger Perspektive ist er sicher, dass er in einer Bank nicht glücklich geworden wäre.

Der 49 Jahre alte Mann betritt das Herz des Rechenzentrums FRA7: einen großen Raum voller hellgrauer, kleiner und großer, teilweise begehbarer Schränke. „Racks“ oder „Cabinets“ nenne man die, sagt Knapp. In ihnen befinden sich zahlreiche Rechner, manche vor neugierigen Blicken gänzlich abgeschirmt, andere hinter engmaschigen Gittern. Überall blinkt es rot, grün, blau, von der Decke führen Glasfaserkabel in die Rechner. Das Reden fällt schwer in dem Raum, weil es so laut ist. „Das liegt an den Lüftern“, ruft Knapp dagegen an. Als er einen der Racks betritt, weht kalte Luft heraus.

Um Energie zu sparen, hält Interxion nicht den gesamten Raum kühl. Stattdessen leitet das Unternehmen die Abwärme aus den Rechnern in die Gänge zwischen den Racks – weshalb es auch im Winter angenehm warm darin ist. Überhaupt ist Energiesparen ein großes Thema für das Unternehmen. Denn für Strom fallen hier mehr Kosten an als für alles andere, im Jahr Beträge im zweistelligen Millionenbereich. Vor allem die Klimaanlagen sind dafür verantwortlich. Der Rechencampus allein braucht jährlich ungefähr so viel Strom wie eine Stadt mit 100 000 Einwohnern.

Um den Verbrauch dennoch möglichst gering zu halten, haben sich Knapp und seine Kollegen bereits einiges ausgedacht. „Das fängt bei einfacher LED-Beleuchtung an und endet bei Überlegungen, dass man zum Kühlen einen riesigen Eisblock in den Keller legen könnte.“ Letzteren Gedanken hat er dann aber doch mangels Effizienz wieder verworfen. Stattdessen schafft das Unternehmen in naher Zukunft eine Brennstoffzelle an. Den Platz für den Energiewandler hat Interxion bereits geschaffen, jetzt fehlt nur noch das richtige Fabrikat. Die riesigen grünen Dieselgeneratoren, die jetzt noch die Stromversorgung im Notfall sichern, haben dann ausgedient.

Überhaupt ist Strom ein Thema, bei dem Knapp gerne ausholt. Geht es um die zahlreichen Sparmaßnahmen, die er eingeführt hat, grinst er so breit, dass sich auf beiden Wangen drei tiefe Falten bilden. Doch so viele Vorteile der Standort Frankfurt auch habe, die Kosten für Strom seien hier unverhältnismäßig hoch. „Mein Kollege in Amsterdam zahlt 7 Cent pro Kilowattstunde, ich hingegen ganze 15 Cent“, sagt Knapp, und die Lachfalten verschwinden aus seinem Gesicht. Schuld daran sei der Staat. Nirgendwo müsse man so viele zusätzliche Abgaben für Strom zahlen wie hier – und sogar die EEG-Umlage müsse das Rechenzentrum entrichten.

Strompreise zu hoch

Gemeint ist, dass die Kosten für die Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien auf die Endverbraucher verteilt werden. Eigentlich sind stromintensive Unternehmen davon befreit, damit sie international wettbewerbsfähig bleiben. Allerdings gilt diese Sonderregelung nur für produzierendes Gewerbe und Schienenbahnen. „Dass wir die Umlage zahlen müssen, beschädigt uns massiv. Im internationalen Vergleich sind wir dadurch nämlich weitaus teurer als andere Rechenzentren.“ Es ist das einzige Gesprächsthema an diesem Tag, bei dem Knapps Stimme lauter wird. Seit einiger Zeit kämpft er gegen die Umlage, aber stößt besonders bei der Regierung auf viel Unverständnis.

Dennoch hält er am Standort Frankfurt fest. Die infrastrukturellen Vorteile, die die Stadt zu bieten hat, halten das Unternehmen wettbewerbsfähig. Gerade erst hat Interxion zusätzliche 15000 Quadratmeter Land im Frankfurter Ostend gekauft. Im Hinblick auf die stetig zunehmenden Datenmengen werde mehr Infrastruktur bald dringend benötigt, sagt er. „Der Markt wächst wie kaum ein anderer.“ Nachdem er das Gebäude FRA7 wieder durch die Personenvereinzelungsanlage verlassen hat, zeigt der Interxion-Geschäftsführer auf einen Rohbau, der hinter den Dächern des Rechencampus zu sehen ist. Dort baut das Unternehmen schon das erste Zentrum auf der neuen Fläche: FRA8.

 

Der Unternehmer

Peter Knapp, 49, ist seit 2002 Geschäftsführer der Interxion Deutschland GmbH. Vorher
war der Diplomkaufmann unter anderem für das Consultingunternehmen Cambridge Technology Partners und die Softwareunternehmen Oracle und Kana tätig. Er ist Mitglied im Aufsichtsrat der Frankfurter Volksbank und in mehreren Beiräten im Raum Frankfurt. Außerdem sitzt er im Ausschuss Informationswirtschaft der IHK Frankfurt sowie im DIHK-Ausschuss Telekommunikation und neue Dienste. Er gründete außerdem den Verein Digital Hub FrankfurtRheinMain, dessen Vorstandsvorsitzender er heute noch ist. Knapp ist Vater von drei Kindern.

Das Unternehmen

Interxion ist ein Anbieter von cloud- und carrierneutralen Rechenzentrums-Dienstleistungen aus den Niederlanden. In elf europäischen Ländern hat das Unternehmen zurzeit 34 Rechenzentren, rund 450 Angestellte und mehr als 1300 Kunden, wie etwa der Technologiehersteller HP, der Telekommunikationsriese AT&T und das Medienunternehmen Bloomberg. Für das Geschäftsjahr 2013 erwartet es einen Umsatz von etwa 300 Millionen Euro. Am Frankfurter Standort beherbergt es allein sieben Rechenzentren, deren Klimatisierung, Strom, Brandschutz, Sicherheitspersonal und -technik es verantwortet.

 

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