treehug_c-494x620

„Große Werte allein reichen nicht“

2013

Die Menschen müssen das Ziel der Nachhaltigkeit dringend weiterverfolgen, findet der Initiator des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Stefan Schulze-Hausmann. Im Interview spricht er über Streitigkeiten zwischen Interessengruppen, Greenwashing und sein eigenes privates Engagement.

Herr Schulze-Hausmann, 2008 riefen Sie den Deutschen Nachhaltigkeitspreis ins Leben. Seither befassen Sie sich tagtäglich damit. Warum tun Sie sich das an?

Die kürzeste Antwort: Je älter ich werde, desto wichtiger wird es mir, meinen drei und allen anderen Kindern eine Welt zu hinterlassen, mit der sie mindestens genauso viel anfangen können wie wir.

Es geht Ihnen also um unsere Umwelt?

Nicht nur. Zwar hat uns die grüne Bewegung an die Nachhaltigkeit herangeführt, aber Ökologie ist nicht alles. Nachhaltigkeit ist eine Balance zwischen drei Dimensionen: der ökologischen, der sozialen und der wirtschaftlichen. Fair Trade etwa ist der Inbegriff von sozialer Nachhaltigkeit, Hungerlöhne sind nicht in Ordnung. Und wenn 25 Liter Wasser verbraucht werden, um für uns eine Tasse Kaffee herzustellen, die Menschen, die das tun, aber selbst nichts zu trinken haben, dann ist das alles andere als nachhaltig. Und schließlich braucht es auch das Geld, Sinnvolles umsetzen zu können. Große Werte allein reichen nicht, man muss sie auch finanzieren können. Das ist die wirtschaftliche Dimension.

Wie wichtig ist diese Dimension bei der Auswahl der Unternehmen, die für den Nachhaltigkeitspreis nominiert sind?

Wichtig. Es bewerben sich immer wieder Unternehmen mit wunderbaren nützlichen Ideen, die sich aber nicht verkaufen lassen. Sie werden nicht nachgefragt. Diese Firmen sind letztlich noch nicht nachhaltig. Wir hoffen immer, dass sie es werden und dann wiederkommen.

Mit dem Ehrenpreis honorieren Sie vor allem Prominente. Warum ausgerechnet die?

Unsere Ehrenpreisträger sind oft prominente Persönlichkeiten, die sich neben dem, wofür sie bekannt sind, noch für eine andere Sache engagieren. Oft tun sie dies mit enormem zeitlichen und finanziellen Einsatz, wie etwa Annie Lennox, die für ihre Aids-Stiftung 2008 den ersten Preis dieser Art erhielt, oder Dionne Warwick, die 2013 unser Gast ist. Und natürlich geben die Ehrenpreisträger den anderen Preisträgern aus Unternehmen und Städten auch etwas von ihrem Glanz ab. Sie ziehen Medien an, die dann auch über die ausgezeichneten Unternehmen, Projekte und Städte berichten. Unser Preis ist ja nicht dotiert – sein Reiz besteht also in der kommunikativen Kraft der Auszeichnung. Und die wird durch Mitwirkende gestärkt, für die sich viele interessieren.

In diesem Jahr vergeben Sie erstmals den Sonderpreis „Nachhaltiges Bauen“. Warum ist dieses Thema jetzt wichtig?

Im Bauen stecken sehr viele Möglichkeiten nachhaltiger zu werden. Von der Planung über den Bau bis zum Betrieb von Gebäuden gibt es unzählige Einsparpotentiale – vor allem beim Materialeinsatz und der Energieversorgung. Im vergangenen Jahr haben wir den Architekten Lord Norman Foster als Vorreiter der „green buildings“ ausgezeichnet. Zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen suchen wir ab diesem Jahr Gebäude, die ökologisch spitze sind, Menschen angenehme Lebensräume bieten, gestalterische Qualität haben – und dennoch bezahlbar sind.

Es geht also wieder um die drei Dimensionen, die Sie eben ansprachen.

Genau. Und das ist etwa ein Problem bei der hochfliegenden Vision der nachhaltigen Stadt Masdar: Sie ist nicht bezahlbar. Als Lord Foster sie plante, gaben die Regenten von Abu Dhabi auf Wirtschaftlichkeit kaum acht. Seit der Finanzkrise ist das anders. Man sucht nun nach Unternehmen, die sich in der neuen Stadt ansiedeln und auch die restliche Infrastruktur mittragen. Siemens hat das gemacht.

Siemens war Preisträger 2011. Wer sind denn unter den in diesem Jahr nominierten Unternehmen Ihre Favoriten?

Ich wäre ja ein Wahnsinniger, wenn ich Favoriten nennen würde. Wir organisieren den Wettbewerb so, wie ich in meinem Beruf als Moderator ein Gespräch leiten würde: Wir laden ein, lassen jeden gleichermaßen zu Wort kommen, arbeiten die unterschiedlichen Positionen heraus – ohne unsere Meinung zu äußern oder Partei zu ergreifen. Am Ende entscheidet unsere Jury. Sie hat zwischen den oft gegensätzlichen Positionen in der Nachhaltigkeitsdebatte abzuwägen.

Welche Gegensätze sind das?

Die Nachhaltigkeitsszene – das habe ich gelernt – splittet sich in viele Lager auf. So einig man sich bei Zielen ist, so uneinig ist man oft über die Wege. Die klassischen Gegensätze wie Wirtschaft versus Zivilgesellschaft brechen auf, werden aber ersetzt durch Dissens im Kleinen.

stefan_schulze-hausmann_c-309x620

Stefan Schulze-Hausmann

Aber worum streiten sie denn eigentlich?

In der Jury, die die verschiedenen Gruppen repräsentiert, wird zuweilen heftig diskutiert über die Frage, ob die sozusagen reinrassig nachhaltigen kleinen und mittelständischen Unternehmen mit kleinerem Wirkungsfeld preiswürdiger sind als Konzerne, die zwar noch nicht zu 100 Prozent nachhaltig ticken, aber über große Hebel wirken. Da sind zum einen die Unternehmen, die den Massenmarkt erreichen, deren Produkte aber bisher nur zu einem kleinen Teil nachhaltig sind. Ein Beispiel ist der Lebensmittelhändler Rewe, der sich zum Ziel gesetzt hat, Stück für Stück die Nische für nachhaltige Produkte zu erweitern. Da sind zum anderen Unternehmen, die nachhaltig durchdrungen sind, aber nur eine Nische bedienen – etwa der Lebensmittelhändler Alnatura. Er versucht, die Nachhaltigkeit auf höchstem Level zu halten und nach und nach eine immer größere Masse zu erreichen. Welcher Zugang ist nun der richtige?

Da wird aber ziemlich auf der Meta-Ebene gestritten, oder?

Es gibt auch ganz konkrete Streitpunkte. Einer ist Palmöl. Es wird unter sehr problematischen Bedingungen gewonnen und steht in der Kritik für soziale Ungerechtigkeit und Vernichtung der Regenwälder. Nichtregierungsorganisationen sagen mit Recht: „Das geht so nicht“, und wollen am liebsten den Palmöleinsatz sofort stoppen. Auf der anderen Seite stehen die Großkonzerne, die für ihre Produkte Palmöl brauchen – Produkte, die wir jeden Tag nutzen, wenn wir Duschgel verwenden oder ein Eis essen. Sie wollen das konventionelle Palmöl nach und nach durch nachhaltiges Palmöl ersetzen.

Im vergangenen Jahr haben Sie deswegen den Konzern Unilever ausgezeichnet, was von Umweltinitiativen sehr negativ aufgenommen wurde.

Stimmt. Wenn wir Unternehmen lobend ins Rampenlicht stellen, zieht das natürlich auch „Greenwasher“ an, Unternehmen also, die sich als umweltfreundlich darstellen, obwohl sie es nicht oder nur in geringem Maß sind. Unsere Aufgabe ist es, gut zu begründen, warum unsere Preisträger sich eben nicht nur ein grünes Mäntelchen umhängen. Unilever hat unsere Jury für preiswürdig gehalten, weil das Unternehmen einen ambitionierten Nachhaltigkeitsplan aufgestellt hat, der schon seit Jahren läuft und bisher vorbildlich eingehalten wurde. Hier spielt auch Palmöl eine Rolle. Das ist eben ein Großkonzern, der noch Baustellen hat, aber den großen Hebel zum Guten einsetzt.

In diesem Jahr vergeben Sie auch zum ersten Mal den Sonderpreis Ressourceneffizienz. Worum geht es dabei?

Ressourceneffizienz ist ein Querschnittsthema der Nachhaltigkeit. Unternehmen auf Nachhaltigkeitskurs sehen, dass sie schon bei der Produktentwicklung und dem Einkauf damit anfangen können, Roh- und Werkstoffe einzusparen. Weiter geht es bei den Ressourcen, aus denen die Energie für die Produktion ent steht: Kohle, Wind oder Biomasse. Letztlich sind die Unternehmen vorne, die dann auch noch ihre Kunden in die Lage versetzen, bei der Nutzung der Produkte Ressourcen zu sparen. Hier spielt auch das Thema Kreislaufwirtschaft hinein: Für moderne Technologien brauchen wir zuweilen Rohstoffe, von denen wir nur ahnen, wie viel es von ihnen überhaupt noch gibt. Beim Handy ist das zum Beispiel Tantal, ein seltenes Metall, das Menschen in Nordafrika unter unvorstellbaren Bedingungen fördern. Man kann es auch aus alten Handys wiederverwerten. Dann kommt es darauf an, die richtigen Methoden zu haben und nicht Kinder einzusetzen, die sich beim Herumhantieren an Elektroschrott vergiften. All das gehört in die Diskussion um Ressourcen. Wir wollen die Themen aufgreifen und mit unserem Preis beleuchten.

Sparen auch Sie Ressourcen im Alltag?

Ich würde mich als einen ständig dazulernenden Normalbürger bezeichnen, der immer aufmerksamer wird. Ich esse noch Fleisch, obwohl unser exzessiver Fleischkonsum das CO2-Problem verschärft – insgesamt greifen wir in der Familie bei Lebensmitteln mit klarer Präferenz zu Bio, Fair Trade und regionalem Angebot. Das Büro Deutscher Nachhaltigkeitspreis ist ausgesprochen streng organisiert. Hier achten wir auf alle Details, vom Papier bis zu den Geräten. In Büros geht mehr, als man denkt. Auch beim Thema Reisen.

Jeder muss begreifen, dass es wirklich unvermeidlich ist, sich mit diesen kleinen Schritten zu beschäftigen. Sie machen es aus. Die vielbeschworene „große Transformation“ der Wirtschaft, die uns mitnimmt, lässt auf sich warten. Jeder muss für sich ran und überprüfen, wie er wohnt, was er isst, wie er sich fortbewegt. Jeder sollte nach seinen Möglichkeiten Dinge verändern. Als Moderator und Journalist konnte ich mein Handwerkszeug und mein Netzwerk einsetzen, um den Deutschen Nachhaltigkeitspreis ins Leben zu rufen.

Und bringt Ihres und unser aller Engagement etwas?

Ja, aber wir sind noch lange nicht erfolgreich genug. Zum Beispiel steigt unser CO2-Ausstoß, statt zu sinken. Das ist verrückt. Aber wir müssen weitermachen, wir haben keine Wahl.

 

 

Der Gründer

Stefan Schulze-Hausmann kam schon kurz nach dem Jurastudium und einigen Auslandsaufenthalten zum ZDF und moderiert dort seit 1989 verschiedene Formate. Seit 1999 präsentiert er das tägliche 3Sat-Zukunftsmagazin „nano“. Darüber hinaus ist er Geschäftsführer der Coment GmbH, einer Kommunikationsagentur in Düsseldorf und Berlin. 2008 rief er den Deutschen Nachhaltigkeitspreis ins Leben, ein Jahr später wurde er Vorstandsvorsitzender der zugehörigen Stiftung.

Der Preis

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis ist eine undotierte Auszeichnung, die die eigens dafür gegründete gleichnamige Stiftung jährlich an Akteure in Wirtschaft und Kommunen vergibt, die besonders nachhaltig handeln. Der Preis soll dazu beitragen, dass sich die Grundsätze nachhaltiger Entwicklung in der öffentlichen Wahrnehmung besser verankern. Er ist einer der renommiertesten Preise seiner Art in Europa.

Fotos: Mayr und Steffen Höft

Schlagwörter: , ,