Foto: Max Seibert

Illegale Bilderwelten

2010

Am alten Polizeipräsidium war Jan Kirchner schon länger nicht mehr. Die Graffiti, die dort zu sehen sind, haben andere gemalt. Aber auch Jan ist ein Sprayer. Er berichtet, warum er seit 13 Jahren illegal Graffiti malt.

Am alten Polizeipräsidium war Jan Kirchner schon länger nicht mehr. Die Graffiti, die dort zu sehen sind, haben andere gemalt. Aber auch Jan (Name geändert) ist ein Sprayer. Der 27 Jahre alte Mann lässt sich gern duzen. Er trägt Jeans und eine schwarze Winterjacke. Seine Augen blitzen durch seine Brillengläser, er lächelt schüchtern. Dieser Mann soll Straftaten begehen?

Jan sprüht seit 13 Jahren Graffiti an Wände in Frankfurt, und er hat nicht vor, damit aufzuhören. Seine Pieces zählt er schon gar nicht mehr. „Klar, früher hab’ ich’s öfter gemacht – so drei- bis viermal die Woche. Heute geh’ ich vielleicht einmal im Monat.“ Sprayer wie Jan Kirchner haben ihre eigene Sprache. Mit „Pieces“ meinen sie ihre Bilder.

„Wenn du auf der Zeil eines malst, bist du der King“

Damals sei es viel mehr um seinen Fame, seinen Ruhm, in der Graffiti-Szene gegangen als heute, sagt Jan. Besonders wichtig sei gewesen, wo der Graffito hingesprüht werde. „Je zentraler, desto besser. Wenn du auf der Zeil eines malst, bist du der King, bis es wieder weg ist.“ Er lacht. Auch Züge und Privathäuser habe er besprüht. Inzwischen sei er aber darüber hinausgewachsen. Der Nervenkitzel zähle nicht mehr. Heute gehe er nur noch dahin, wo grauer Beton sei, und diese Flächen mache er schöner: „Frei nach dem Motto: Unser Dorf soll schöner werden.“

Strenggenommen sind Graffiti aber Sachbeschädigungen. Im vergangenen Jahr sind der Polizei zufolge in Frankfurt 127 Tatverdächtige festgenommen worden. Jan zuckt mit den Schultern. Für Männer wie ihn sind die Bilder Kunstwerke. „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, sagt er. Aber er räumt auch ein, dass nicht alles Gesprühte schön sei. Sogenannte Tags, die ohne ein Piece irgendwohin gesprüht werden, „macht man nur, um sein Revier zu markieren. Das grenzt dann schon an Sachbeschädigung.“ „Tags“ – auch das gehört zum Sprayer-Jargon. Gemeint sind die Kürzel der Sprayer.

Jan hat auch ein solches Kürzel – verraten will er es aber nicht. Auch nicht, aus welchem Stadtteil er kommt. Überhaupt wirkt er zurückhaltend und gar nicht wie ein Draufgänger. Ob er als Jugendlicher anders war? Während der Pubertät sei das Sprühen für ihn Rebellion gewesen. „Früher war ich aggressiv, heute bin ich friedlich.“ Er sprühe auch sein Kürzel nicht mehr ohne ein dazugehöriges Bild an Wände, weil er das nicht schön finde. Früher habe er aber so auf dem Heimweg seine Dosen leer gemacht, sagt er.

Im „eigentlichen“ Leben ist Jan Student

Wird das nicht auf Dauer teuer? Allein beim Sprühen eines einzigen Bilds werden je nach Größe und Komplexität mehrere Sprühdosen verbraucht. „Wenn Sachbeschädigung für einen 14 Jahre alten Toy schon Alltag ist, ist ihm Diebstahl auch egal“, sagt Jan ungerührt. „Toys“ sind unerfahrene Sprayer. Erst vor kurzem haben Sicherheitsmitarbeiter der Verkehrsgesellschaft Frankfurt zwei solcher Anfänger an einer U-Bahn-Rampe beim Sprayen erwischt. Im schlimmsten Fall blüht einem Sprayer dann eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren oder eine Geldstrafe, die abhängig vom Einkommen des Täters ist.

Jan ist erst einmal erwischt worden – beim Sprühen seines ersten Graffitos. Der Besitzer des Hauses sei aber zu einem Täter-Opfer-Ausgleich bereit gewesen. Jan musste das Bild lediglich selbst überstreichen. „Das war schon ein starkes Stück Arbeit. Bei mir hat’s zwar nichts gebracht, aber mein Kollege hat es danach nie wieder gemacht.“ Polizeisprecher Jürgen Linker hält den Täter-Opfer-Ausgleich nur bei Ersttätern für förderlich. „Mehrfachtäter gelten als nicht zu belehren.“ Trotzdem würden viele Taten nicht angezeigt, weil Täter und Opfer sich einigten oder die Opfer die Bilder sogar selbst überstrichen.

Jan glaubt, dass man nichts gegen Graffiti machen könne. Das habe es schon im alten Rom gegeben. „Das Sprayen ist ein guter Ausgleich zu dem tristen Alltag, mein Doppelleben, mein Ventil, um meine Aggression abzubauen.“ In seinem „eigentlichen“ Leben ist Jan Student.

„Graffiti von anderen übermalt man in der Regel nicht“

Linker hält das nicht für untypisch. Ein eindeutiges Täterprofil gebe es nicht. „Sprayer sind quer durch alle Schichten und Altersklassen von 14 bis 30 Jahren zu finden.“ Seit 2009 schaut die Polizei genauer hin: Sie prüft, wie viele Sprayer an einem Bild tatsächlich beteiligt waren. Im vergangenen Jahr gab es 2695 Strafanzeigen – gegenüber 1726 im Jahr 2008. Schützen könne man sich vor Graffiti, indem man Hauswände versiegeln lasse, so dass die Sprühfarbe nicht haften bleibe, oder Kameras aufstelle, sagt Linker.

„Wenn Kameras da sind, maskiert man sich halt“, sagt Jan. Mehr Möglichkeiten, legal zu sprayen, seien viel sinnvoller. Die würde er auf jeden Fall in Anspruch nehmen. Bisher habe er allerdings nur bei Aufträgen legal zur Dose gegriffen. Generell sei aber gerade die Illegalität das, was viele Sprayer reizvoll fänden. In gewissem Sinne schaffe das auch Gemeinschaft. „Wenn man mit seiner Crew unterwegs ist, kann man aufeinander aufpassen und Schmiere stehen.“

Außerdem gebe es eine Art Ehrenkodex in der Szene. „Graffiti von anderen übermalt man in der Regel nicht, und man verrät keinen.“ Auch über die eigene Crew hinaus gebe es Zusammenhalt und manchmal auch Battles – Wettkämpfe – gegen andere Crews. Anerkennung, meint Jan, bekomme man schließlich nur von den eigenen Leuten, nicht von der Gesellschaft.

 

Fotos: Max Seibert

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