Foto: Tobias Rauch

Mummsekt zum Mondscheintarif

2009

„Isch fahr immer Taxi 58“, sagt Angelika Fischer, 52, aus Griesheim und klopft mit der Hand auf das Dach ihres Wagens, als sei er ein geliebter Freund. Dann zieht sie ihre ockerfarbene Lederjacke gerade und blickt ohne zu lächeln in die Kamera. Klick. „Aja, awwer moi Falde duun-se wegreduschiern, gell.“ Klick.

Es ist 22 Uhr 30 an einem Dienstagabend, kein Trubel mehr auf Darmstadts Straßen. Als ich mich zu Geli, wie ich sie nennen darf, ins Auto setze, hat sie gerade einen Auftrag erhalten: Ein Koch in Pfungstadt will abgeholt werden „Aaner von moine Stammkunne. Den kenn isch schon, seid-er lebt.“

Auf der Fahrt gestikuliert Geli fortwährend mit der linken Hand, die rechte liegt ruhig auf dem Lenkrad. Sie fährt sicher, stets auf die Geschwindigkeit achtend, aber ohne Gurt. Das dürften Taxifahrer, sobald sie besetzt seien, sagt Geli, damit man bei einem Angriff leichter flüchten könne. Aber schneller zu fahren, als die Straßenverkehrsordnung es erlaubt, das sieht sie nicht ein. „Des sin moi Pungde, die wo isch krisch, gell. De Killomeeder kost 1,80, do werds nedd billischer, wann isch schneller fahr. Wann en Kunne zu mir saache deed: ‚Jetz fahrn se awwer-emoo langsamer‘, des weer-e Desasder! Der soll sisch jo aach wohlfiele.“

„Mit Angst kenne-se deen Job nedd mache“

Auch Geli fühlt sich beim Taxifahren wohl, aber hat sie manchmal Angst? „Des geht iwwerhaubd net. Mit Angst kenne-se deen Job nedd mache. Isch nemm halt aach nedd jeden mit. Hab, vermuudt isch-emoo, aach e reschd guud Gespür ferr die Mensche.“ Geli fährt ausschließlich nachts. „Des macht mer mehr Spass. Es laafe jo aach nedd nur schreesche Tüüwe dorsch die Gejend. Die Leid sinn viel endspannder, glaawe-se mer. Wann-mer do fünf Minudde speeder kimmd, saan-se: ‚Aja, is guud. Dann drink isch halt noch-e Biersche.‘ Am Taach is alles: ‚Schnell, schnell – unn wanns geht vorgestern!‘“

Schräge Typen gibt es trotzdem. Seit 17 Jahren fährt Geli schon Taxi und hat viele Menschen kennengelernt: Eine durchgeknallte Millionärin, der sie stets Mummsekt kaufen musste; einen alten Mann, den sie für einen Batzen Geld immer im Kreis durch die Tunnel in der Darmstädter Innenstadt fahren sollte. Einmal ist sie überfallen worden. „Des waan damols drei Amerikaner. Waan aach noch so bleed und hawwe in de Kassern rumbosaunt: ‚Mer hawwe e Taxi bestellt, des iwwerfalle mer jeds. Die hawwe-se glei geschnappt, kords da- noch. Misch hawwe se net verledzt, awwer weil der aane mir es Pordmonnee aus de Hand gerisse hat, wars-en Raubiwwerfall. Unn die sinn noch-em amerikanische Gesetz verurdeilt worrn – mit sechs und acht Joahr Kiddsche!“

Der junge Koch, den wir jetzt abholen, ist freundlich und ruhig. Die Arbeit scheint ihn geschafft zu haben. Er will nach Griesheim. Kurz vor dem Ortsschild tritt Geli plötzlich auf die Bremse. „Figgs!“, ruft sie. Und tatsächlich. Vier kleine Fellknäuels schauen von der Straße zu uns hinauf.

„Nach dem Moddo: Die kenn isch nedd, die kann jeds-emoo alles abkrieje.“

Zurück in Darmstadt halten wir am Taxistand vor dem Hotel Maritim. „Vielleischd hawwe mer Gligg weje de Mess in Frankford“, hofft Geli. Oft strickt oder liest sie, während sie auf den nächsten Kunden wartet. Irgendwie muss man sich ja die Zeit vertreiben. Wir haben Glück, zwei junge Männer aus Berlin steigen ein. Sie wollen zum Hotel Rosengarten – das Maritim sei ihrem Chef zu teuer, sagen sie und lachen. Doch nicht alle Kunden sind so gut drauf wie die beiden, die wir mittlerweile abgesetzt haben. „Nach dem Moddo: Die kenn isch nedd, die kann jeds-emoo alles abkrieje. Mir fahrn jo aach Krebbspatiente und so, die-s nedd immer schaffe. Unn des geht mer immer dermaase ans Herz.“ Gelis Stimme wirkt plötzlich belegt, Tränen scheinen sich in ihren Augen zu sammeln.

Neue Kunden am Maritim: eine Familie, die in die Wilhelminenstraße will. „Hier riecht es viel besser als in dem Taxi eben“, sagt die Tochter anerkennend und Geli freut sich. Sie kümmert sich sehr sorgsam um ihren Wagen. Mehrmals pro Woche wird er geputzt und gesaugt. Hin und wieder sprüht sie etwas Parfum auf die Lüftungen. Der Kunde steht bei ihr an erster Stelle.
Von der Wilhelminenstraße aus machen wir uns auf den Weg nach Pfungstadt, den Griechen Theo von der Arbeit abholen. Als wir an einem Unfall vorbeifahren, halten wir kurz und fragen, ob alles okay ist. „Des muss isch duun, sonst weer des unnerlosse Hilfeleisdung.“

In Pfungstadt warten wir etwas länger auf Theo. Der Motor läuft. „Wann de Schef des jeds seje deed, der deed misch gladd erschlaache.“ Sie lacht. „Normal mach isch de Modoor aach immer aus, awwer isch habb gedacht, der kommt jeds glei soford.“ Kommt er aber nicht. Stattdessen bittet er uns telefonisch herein, um zu warten, bis die letzten Kunden gegangen sind. Geli raucht. Das darf sie im Auto nicht. Als wir endlich gehen können, bekommt sie von Theo ein Eis spendiert: Nuss. „Des is-e anneri Sord als wie-s letzde Moo, gell? Die anneri waa nemmlisch besser!“ Wir fahren Theo nach Jungendheim, er schwatzt munter vor sich hin. Ganz Darmstadt gehöre Scientology, behauptet er steif und fest, und die Stadt sei „ja mal sowas von tote Hose“.

Für ne Niere nach Hannover

Tote Hose ist die Stadt tatsächlich, als wir zurückkehren. Es ist ein Uhr nachts und Darmstadts Straßen scheinen wie leergefegt. Wir fahren zu Kentucky Fried Chicken und Geli erzählt: „Isch haww-emoo nachds en Aaruf gekriet, obb-isch e Faad noch Hannover mache kennd. Des wor-en finnfjeerisch Kind unn soi Eldern. Die Klaa hodd-e Nier bekomme. Die hawwe en Aaruf gekriet: ‚Ihr missd um sechs do soi.‘ De Vadder hodd so gezidderd, dess-er nemee feejisch waa, se faan. Unn do simmer donn hald do hoch gefaan.“ Nicht immer bleibt Geli in Darmstadt. Mit ihrem Taxi 58 ist sie schon bis nach Wilhelmshaven gefahren, zweimal gar mit Kunden nach Paris.

Während Geli ihr Geflügel isst, geht es wieder nach Pfungstadt. Sie holt ihre Jugendfreundin Doris von der Arbeit ab. Wir fahren an der Pfungstädter Brauerei vorbei, Richtung Eberstadt. „Isch bin dodal geschafft“, sagt Doris. Auch ich werde langsam müde. Die nächste Fahrt geht für mich nach Hause. Zwei Uhr morgens falle ich ins Bett, mit Rückenschmerzen. Taxifahren strengt an.

 

Foto: Tobias Rauch

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