Foto: Trygve.u

Positiv

2012

Vor zwei Jahren hat sich Marcel, 22, mit HIV infiziert. Trotzdem ist er heute glücklich – und setzt sich für Aufklärung und gegen Diskriminierung ein.

„Ich freue mich, bereits jetzt auf den Gräbern derer zu tanzen, die mich heute schon totsagen!“ Marcel schreibt in seinem Blog darüber, weshalb er nicht in Schubladen gesteckt werden will – weder in die Homosexuellen-Schublade, noch in die Aids-Schublade. „Ich höre Slipknot und bin schwul, ich bin HIV-positiv und voller Lebensfreude – viele Menschen finden das unnormal“, sagt er.

Es ist Sonntagnachmittag und ich treffe Marcel in der Kölner Innenstadt, keine zehn Minuten vom Dom entfernt. Die Sonne scheint, überall auf den Straßen sind Leute unterwegs. Marcels Haut ist leicht gebräunt, die Haare sind frisch geschnitten und seine Wangenknochen schauen markant hervor. Man sieht ihm die Lebensfreude, von der er spricht, an.

Aber natürlich war Marcel nicht immer glücklich. Als sich 2010 sein Leben grundlegend ändert, ist Marcel verliebt in Tim*. Er trifft sich schon seit längerer Zeit mit ihm, sein Herz klopft schneller, wenn er ihn sieht. Marcel ist 20 und er schläft nicht zum ersten Mal mit einem Mann. Aber mit Tim soll es ernst sein, vielleicht etwas fürs Leben oder zumindest für die nächsten Jahre. Er ist verliebt und unbedacht. „Viele haben mal Sex ohne Kondom – ich hatte halt Pech, dass es schief gelaufen ist.“

„Niemand ist schuld!“

Ob Tim – der hübsche Junge, mit dem Marcel so gut reden konnte und der echt super im Bett war – von seiner eigenen Infektion mit dem HI-Virus wusste, will Marcel mir nicht verraten. „Ich hasse es, dass alle immer von ‚der Schuld‘ reden. Das ist mal wieder so eine Schublade. Niemand ist schuld! Menschen machen nun mal Fehler.“ Seine Stimme erhebt sich ein wenig, als er das sagt – fast wie ein Vorwurf.

Zwei Wochen nach seinem Sex mit Tim wird Marcel krank. Alles sieht nach einer Grippe aus, außergewöhnlich ist nur, dass seine Lymphknoten dick angeschwollen sind. „Als es auch nach drei Wochen nicht weg war und der Arzt mir nicht hatte helfen können, bin ich zum Gesundheitsamt – da hab ich es aber schon geahnt.“ Das Internet hatte bereits sein Bestes gegeben, um ihn aufzuklären.

Marcel macht einen Aids-Test und bangt eine Woche lang. „Das Warten war schlimmer als die Diagnose selbst. Da hatte ich mich ja quasi schon darauf vorbereitet.“ Als er das Ergebnis dann vorliegen hat, ist sein erster Gedanke trotzdem: „Ich muss sterben.“ Dass man heute mit HIV nur eine knapp zehn Jahre geringere Lebenserwartung hat als alle Nicht-Infizierten, weiß er da noch nicht. Er zieht sich zurück, ekelt sich vor sich selbst, will mit niemandem darüber sprechen müssen – aus Angst vor Ablehnung. „Ich dachte, ich bin der einzige Mensch mit der Infektion auf der ganzen Welt.“ Nur Nadja Benaissa, die Sängerin der Girl-Group NoAngels, scheint das gleiche Schicksal zu haben – und sie wird damals in den Medien an den Pranger und schließlich vor Gericht gestellt. Für Marcel ein klares Zeichen: HIV-Positive sind in der Gesellschaft nicht erwünscht.

Er verkriecht sich, spricht weder mit Eltern oder Freunden noch mit Tim. In Internet-Foren trifft er auf Aussagen wie „ekelhaft“, „selber schuld“ und „man sollte Infizierte wegsperren, weil sich das Problem dann von alleine löst.“ In ihm wächst eine unbändige Wut. Wut über die Ignoranz der Menschen, die Angst davor, wie seine Freunde reagieren werden, und darüber, dass es niemanden zu geben scheint, der auch infiziert und in der gleichen Lebenslage ist wie er.

Die Leute von der Aids-Hilfe sind die einzigen, mit denen er sich austauscht. „Da sind viele völlig verschiedene Menschen, mit denen ich normalerweise wohl auch nichts zu tun hätte – aber die Infektion verbindet uns.“ Frauen und Männer fast jeden Alters und jeder sexuellen Orientierung sprechen ganz offen mit ihm, erzählen von ihren eigenen Erfahrungen und geben ihm Tipps, wie er es seiner Familie und seinen Freunden beibringen soll.

„Es ist mir egal, ob du HIV-positiv bist oder nicht – du bist ja immer noch du.“

So hat er einen Stapel Info-Broschüren dabei, als er es seinen Eltern erzählt. Zwei Wochen lang hatte er gar nicht mit ihnen gesprochen, aber dass sie die Ersten sein würden, war für ihn keine Frage. „Wir haben ein gutes Verhältnis zueinander und ich wusste, sie würden mich verstehen. Und so war es auch – auch wenn sie geschockt waren.“ Überhaupt erlebt er die Zurückweisung, die ihm im Internet entgegen kam, im engeren Freundeskreis gar nicht. Als er es seinem besten Freund Mario* erzählt, sagt der: „Es ist mir egal, ob du HIV-positiv bist oder nicht – du bist ja immer noch du.“ Eine Aussage, die Marcel wohl nie vergessen wird. Mario ist es auch, der ihn sanft dazu zwingt, wieder auszugehen, wieder am Leben teilzunehmen. „Zuhause zu sitzen, macht dich doch nur unglücklich“, sagt er.

Langsam taut Marcel wieder auf, trifft sich mit Freunden in Cafés und traut sich nach und nach sogar wieder beim Karaoke auf die Bühne. Während die engsten Freunde völlig normal mit ihm umgehen, ihn umarmen und lachen wie immer, bemerkt er, dass es bei entfernteren Bekannten doch oft zu unangenehmen Situationen kommt. Mancher schreckt zurück, wenn er ihn berührt oder möchte nicht aus dem gleichen Glas trinken. „Ich habe dann gesagt, dass sie sich erst mal informieren sollen – aber natürlich hat mir das weh getan und es hat mich nur noch wütender gemacht.“

Marcel wirkt reif für sein Alter. Zwar sieht er mit den schmalen Schultern und den lustigen kleinen Segelohren noch recht jung aus, aber er redet ernst und bedacht, unterstreicht seine Aussagen oft mit energischen Handbewegungen und wirft die Stirn in kleine Falten. Auch scheint er keinerlei Berührungsängste zu haben. Zum Welt-Aids-Tag im Dezember 2011 schaute uns sein Gesicht von tausenden Plakaten entgegen. In großen Lettern stand darauf: „HIV-positiv und Freund sein?“ Nur wenige junge Leute gehen so offen mit ihrer Infektion um. Marcel weiß keine Erklärung dafür. „Bei mir hat sich die anfängliche Wut mit der Zeit zum Glück in Engagement gewandelt.“ Er selbst hätte damals gerne weniger Angst vor Diskriminierung gehabt und jemanden in seinem Alter mit dem gleichen Problem. „Es war super, dass es Leute gab, die sich um mich gekümmert haben. Das will ich zurückgeben.“ Deshalb hat er auch einen Blog gegründet: www.der-teilzeitblogger.de. Bis heute schreibt er dort – nicht nur über HIV, sondern über alles, was ihn bewegt.

„Das erste Mal masturbieren nach der Diagnose war schrecklich.“

Sex zum Beispiel. Nach seiner Diagnose denkt er, dass er nie wieder mit jemandem schlafen will. Dieser Gedanke ist vor allem dem Ekel geschuldet, den Marcel gegen sich selbst spürt, und der Angst jemand anderen anzustecken. Marcel glaubt nicht, dass er jemals wieder ein gesundes Verhältnis zu seiner Sexualität bekommen wird. „Das erste Mal masturbieren nach der Diagnose war schrecklich. Ich habe mein Sperma gesehen und gedacht: Da ist jetzt was drin, das schadet anderen Menschen.“

Ob das heute, zwei Jahre später, anders ist? Ja, sagt er und nickt bestimmt. „Es ist zwar immer noch anders, Sex zu haben – weil man ja mehr Verantwortung hat.“ Damit meint er Verantwortung sowohl anderen gegenüber als auch sich selbst. Denn wer HIV-positiv ist, der ist auch für alle anderen Infekte wie etwa Syphilis anfälliger. Wenn Marcel heute mit jemandem schläft, erzählt er vorher nicht unbedingt von seiner Infektion. „Sex hat was mit Fallenlassen zu tun. Wenn ich mir die ganze Zeit darüber Gedanken mache, dann geht das natürlich nicht. Und HIV ist ja nicht so eine Sache, die man jedem erzählt – so kurz vorher ‚Ach, ich muss dir noch was sagen…‘ Nee – wenn ich verhüte, verhüte ich. Aber das hängt davon ab, wie gut ich die Person kenne und ob daraus mehr werden könnte.“ Trotzdem versteht er es, wenn jemand trotz Kondom nicht mit ihm schlafen will.

Dabei ist der Virenanteil in Marcels Blut dank der Medikamente, die er täglich nimmt, beinahe nicht mehr nachzuweisen und die Ansteckungsgefahr quasi gleich Null. Überhaupt merkt er fast nichts von den Viren in seinem Blut. „Klar, ich muss ein bisschen mehr auf mich Acht geben, lebe gesünder und mache mehr Ausdauersport – aber sonst ist alles beim Alten.“

Fast. Vor der Diagnose wäre HIV niemals ein so großes Thema in seinem Leben geworden. Vermutlich gäbe es auch sein Blog nicht, ebensowenig seinen Brief an die HI-Viren zum Valentinstag: „Ich lebe UND liebe mein Leben. Ihr seid ein Teil von mir, aber nicht mein Lebensinhalt. Nicht ihr bestimmt über mich und mein Leben, sondern ich bestimme über euch. “

 

HIV und Aids

Etwa 73.000 Menschen leben laut dem Robert Koch Institut in Deutschland mit HIV/Aids, im Jahr 2011 haben sich etwa 2.800 Menschen mit dem Virus angesteckt. 500 infizierte Deutsche sind 2011 gestorben. Der UNAIDS World Aids Day Report schätzte Ende 2010 die Zahl der Infizierten weltweit auf etwa 34 Millionen, von denen sich etwa 2,7 Millionen im gleichen Jahr infiziert hatten und rund 1,8 Millionen starben.

HIV ist nur über die Körperflüssigkeiten Blut, Sperma, Scheidenflüssigkeit und Muttermilch übertragbar – und nur, wenn sie in Kontakt mit Schleimhäuten (Vagina, Eichel, Po, Mund/Rachen, Augen/Nase) oder Wunden kommen. Wenn ein Kondom reißen sollte, kann man das Infektionsrisiko durch die sogenannte Postexpositionsprophylaxe (PEP), eine mehrwöchige Behandlungsmethode, erheblich senken.

Infos und Rat findet ihr etwa auf www.aidshilfe.de, www.gib-aids- keine-chance.de, www.aids-stiftung.de und www.aidsaufklaerung.de.

 

Foto: Trygve.u

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