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Reifeprüfung

2012

Drogentrip, Schläge, Beschneidung oder pompöse Feierei – auf der ganzen Welt werden junge Leute erwachsen und auf der ganzen Welt gibt es sogenannte Initiationsrituale. Inga stellt euch 18 Reifeprüfungen vor.

 

Rumspringa

Auf die Beine, fertig, rumgesprungen! Das machen Amische im übertragenen Sinne für eine Weile nach der Schulzeit. Diese Zeit nennt man auf Pennsylvaniadeutsch „Rumspringa“. Sie erlaubt den sonst sehr streng und konservativ erzogenen jungen Amischen, Dinge zu tun, die ihre Eltern, Gemeindemitglieder und vor allen Dingen ihr Gott sonst niemals tolerieren würden. Während die einen lediglich nicht-amische Kleidung ausprobieren, kommt es bei anderen in dieser Zeit zu Exzessen. So mancher wird sexuell freizügig und feiert ausschweifend unter Einfluss von Alkohol und anderen Drogen. Nach dieser Übergangszeit heißt es dann aber, sich für oder gegen die amische Lebensweise zu entscheiden – und damit auch dem Erlebten wieder zu entsagen.

Was der Reife im Weg stehen kann: ein Abspringa

 

Am Haken hängen

Der letzte reinrassige Angehörige des Volkes der Mandan in Nordamerika soll 1975 gestorben sein – der von den Mandan geprägte Initiationsritus wird deshalb auch nicht mehr als solcher durchgeführt. Aber er lebt trotzdem in subkulturellen Strömungen auf der ganzen Welt weiter. Nach ein paar Tagen fasten, um den Körper zu reinigen, stachen die älteren Stammesmitglieder dem heranwachsenden jungen Mann große hölzerne Späne, an denen Seile hingen, durch die Brust-, die Schulter- und die Rückenmuskeln. Dann wurde er hochgezogen und musste eine Weile unter der Decke einer Hütte hängen, ohne Schmerzen zu zeigen, bis er in Trance verfiel.

Was der Reife im Weg stehen kann: schlechtes Bindegewebe

 

Beschneidung

Bei weitem nicht nur aus religiösen Gründen, geschweige denn nur an Neugeborenen vorgenommen – die Beschneidung. In vielen afrikanischen Ländern unterziehen sich junge Männer dieser gefährlichen Prozedur, um in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen zu werden und heiraten zu können. Ganze Dörfer werden einmal jährlich zusammengetrommelt, wenn die Jungen beschnitten werden. Leider wird die Beschneidung aber nur selten von einem Arzt durchgeführt und bei so manchem entzündet sich die Wunde – sodass viele das Erwachsenenalter nie erreichen. Die Aborigines in Australien setzen diesem Ritual noch die Krone auf: Etwa eine Woche nach der Beschneidung stechen sie den Jungen ein Loch in den Penisschaft und halten es mit Holzspänen auseinander, damit es nicht wieder zusammenwächst. Damit wird sichergestellt, dass Urin und Sperma in Zukunft aus diesem Loch am Anfang des Geschlechtsorgans statt dem Ende austreten. Der Gedanke dahinter: Den Jungen soll es ermöglicht werden, Sex zu haben, ohne eine Frau zu schwängern. Bei Nachwuchswunsch muss das Loch dann nur zugehalten werden.

Was der Reife im Weg stehen kann: dreckige Messer

 

spiesser2-620x457Löwenjagd

Eigentlich sind die Massai ein recht friedliebendes Volk – aber wenns ums Erwachsenwerden geht, werden ihre Söhne mit der Tradition der Löwenjagd auf Trab gehalten. Die Jäger bekommen lediglich einen Speer. Sie müssen sich einen möglichst großen, starken, männlichen Löwen aussuchen und ihn erlegen. Heute ist es in Kenia mit der Löwenjagd aus Artenschutzgründen jedoch vorbei. Zumindest offiziell.

Was der Reife im Weg stehen kann: das Aussterben von Wildkatzen

 

Blut-Initiation

Junggeselle für die Ewigkeit lautet das Los für denjenigen, der sich weigert, sich dem Ritual der Blut-Initiation zu unterziehen. Die Angehörigen des Stammes Matausa auf Papua-Neuguinea halten das Blut von Frauen für unrein und wollen das Blut ihrer Mütter im eigenen Körper deshalb loswerden – in drei Schritten. Zuerst schieben sich die Heranwachsenden eine Schlingpflanze durch die Kehle bis in den Magen, sodass sich ihr Magen entleert und rein ist. Dann wollen sie sich von allen Verunreinigungen befreien, die sie möglicherweise eingeatmet haben. Dazu drücken sie sich harte Gräser tief in die Nasenlöcher, bis sie bluten. Und zuletzt stechen sie sich mehrere Male mit rasiermesserscharfen Pfeilen in die Zunge, da diese wie auch der Magen von von Frauen verschmutztem Essen berührt wurden. Das Blut, das sie dabei verlieren, soll mit dem Wasser eines Bachs für immer wegschwimmen. Ursprünglich sollte das Ritual furchtsame Kinder in tapfere Männer verwandeln, die jedem Kampf gewachsen sind – denn die Matausa waren früher geprägt von Kriegen gegen andere Stämme.

Was der Reife im Weg stehen kann: Blutvergiftungen

 

Tätowierung & Auspeitschen

Klar, auch bei uns darf sich erst tätowieren lassen, wer mindestens 18 Jahre alt ist oder die Erlaubnis der Erziehungsberechtigten hat. Bei den Fulani im westafrikanischen Benin ist es allerdings ein Muss. Zumindest für die Mädchen. Und sie lassen sich auch nicht irgendwo tätowieren, sondern im Gesicht. Dazu sticht ein Künstler aus dem eigenen Clan dem Mädchen über mehrere Stunden immer wieder mit einer Nadel und Tinte in die Gesichtshaut. Das Mädchen darf nicht weinen oder anders zeigen, dass sie Schmerzen hat – ansonsten muss es in Schande leben und das Tätowieren wird verschoben. Die Fulani-Jungs hingegen müssen ein anderes schmerzhaftes Initiationsritual überstehen: Sie treten gegen einen Gleichaltrigen aus einem anderen Clan an – und peitschen sich gegenseitig dreimal mit Stöcken aus. Wer sich ob der Schmerzen weniger rührt, geht als Gewinner hervor.

Was der Reife im Weg stehen kann: Tränen

 

Gift nehmen

Man nehme schmerzendes Gift und träufele einen Tropfen davon in seine Augen – damit die Sicht verbessert wird und die Sinne geschärft werden. Dann lasse man sich ordentlich verhauen und auspeitschen, um anschließend Froschgift mit hölzernen Nadeln in eine vorher mit Glut verbrannte Stelle am Arm zu injizieren. Daraufhin beginne man unkontrolliert, seinen Darm und seinen Magen zu entleeren, während man sich dem Delirium hingibt. Et voilà! Wer das hinkriegt, ist ein echter Krieger des Matis-Stammes in Brasilien.

Was der Reife im Weg stehen kann: Untergewicht

 

spiesser3-620x454Walkabout oder Visionssuche

Raus in die Freiheit, rein in die Einsamkeit! Bei den Aborigines in Australien und bei manchen Indianer-Stämmen bedeutet Erwachsensein, auf eigenen Beinen zu stehen. Dass sie das können, müssen junge Männer aber erst einmal unter Beweis stellen. Die Aborigines schicken ihre Söhne dazu für ein halbes Jahr ins australische Outback. In dieser Zeit müssen sie ganz allein leben und überleben. Bei den Ureinwohnern Amerikas dauert die Zeit der Einsamkeit nicht ganz so lange, aber dreht sich noch mehr um Spiritualität und Selbstbeobachtung.

Was der Reife im Weg stehen kann: sich ausbreitende Zivilisation

 

Poi Sang Long

Haare abrasiert, Puder, Rouge und Lippenstift aufgelegt und dann für einen Monat ins Kloster. So treten die 7- bis 14-jährigen Jungen des Volksstammes Shan in Myanmar und Nordthailand ihre Reifeprüfung an. Die „Weihe der geliebten Söhne“, das Poi Sang Long, findet jedes Jahr Anfang April statt. An drei Tagen feiern die Jungen mit ihren Familien, bekommen Geschenke und nehmen mehrmals an Prozessionen zum buddhistischen Tempel teil. Die Kopfrasur und das Entfernen der Augenbrauen läuten die Zeremonie ein, bis sie dann schlussendlich mit reichlich Schminke in sogenannte „Juwelenprinzen“ verwandelt werden. Dieses Initiationsritual wird auf den Prinzen Rahula zurückgeführt, der der Sage nach der einzige Sohn Buddhas war und vor rund 2.500 Jahren das erste Kind war, das als sogenannter Novize in den buddhistischen Orden eintrat.

Was der Reife im Weg stehen kann: Mädchen sein

 

Äquatortaufe

Ahoi Matrose! Auf der ganzen Welt gibt es den Brauch der Äquatortaufe und man sagt, er habe seinen Ursprung in der Zeit der Entdeckungsreisen der Portugiesen. Damals war der Äquator noch gefürchtet. Man glaubte, es sei zu heiß und es brauche einiges an Mut, um ihn das erste Mal zu überwinden. Heute ist es eher ein großer Scherz, bei dem das vermeintlich ungetaufte, dreckige und stinkende Pack der nördlichen Erd-Halbkugel gereinigt wird, um in den erlauchten Kreis der Südseefahrer aufgenommen zu werden. Dementsprechend gibt es vermutlich auch so viele Abläufe der Taufzeremonie wie es Schiffe auf den Weltmeeren gibt. Oft schlüpft dabei ein erfahrenerer Seemann in das Kostüm des römischen Meeresgottes Neptun und „reinigt“ den Täufling mit stinkenden Ölen – dabei wird natürlich nicht nur dem Getauften Alkohol verabreicht. Wohl bekomms!

Was der Reife im Weg stehen kann: Sturm während man den Äquator überfährt

 

Stiche von der tropischen Riesenameise

Ihr habt Angst vor Spinnen? Da können die Männer des brasilianischen Stammes Sateré-Mawé nur lachen. Sie alle haben nämlich einen Initiationsritus überstanden, bei dem sie es mit weit schlimmeren Insekten als kleinen Achtbeinern zu tun hatten: mit tropischen Riesenameisen. Die werden mit Alkohol betäubt und dann mit dem Stachel voraus in einen Blätterhandschuh gedrückt. Kaum kommen die Tiere wieder zu sich, müssen die jungen Sateré-Mawé ihre Hand für zehn Minuten in den Handschuh halten – man kann sich vorstellen, wie aggressiv die Ameisen nach dieser unfreiwilligen Zu-Stoff-Werdung sind. Tropische Riesenameisen enthalten Nervengift, das etwa 30-mal so schmerzhaft ist wie das von Wespen. Diese Prozedur müssen die Jungen in den nächsten Monaten oder Jahren insgesamt 20-mal aushalten – sonst werden sie von ihrem Stamm weder als echte Indianer noch als Krieger anerkannt.

Was der Reife im Weg stehen kann: eine Allergie gegen Ameisengift

 

Bar Mitzwa & Bat Mitzwa

Im Judentum ist die Reife eine Frage des Alters. Kaum werden die Mädchen zwölf, die Jungs 13 Jahre alt, werden sie in religiösen Dingen selbst verantwortlich. Sie sind dann Bat oder Bar Mitzwa, also Tochter oder Sohn des göttlichen Gebots. Für die Jungs bedeutet das unter anderem, dass sie nun zum ersten Mal einen hebräischen Tora-Abschnitt und die Haftara, die Lesung aus den Prophetenbüchern, vortragen. Den Mädchen ist das nur in Reformgemeinden erlaubt. In orthodox jüdischen Gemeinden hingegen erlernen sie unter anderem die Reinheitsgebote für die Nahrungszubereitung und wie das Haus für Festtage vorbereitet werden muss. Als Bat Mitzwa eröffnen sie einen solchen Festtag, indem sie die Feiertagskerzen entzünden und segnen.

Was der Reife im Weg stehen kann: Leseschwäche

 

spiesser5-299x695Lianenspringen

Bungee Jumping 1.0: Auf der vanuatuischen Insel Pentecost wurde der Trendsport, der hierzulande vor allen Dingen bei Festivals und Jahrmärkten seine Anhänger findet, quasi erfunden. Wer hier ein echter Mann sein will, muss sich zwei Lianen um die Füße wickeln und von einem Turm springen. Die Legende besagt, dass diese Tradition geboren wurde, als eine Frau vor ihrem eifersüchtigen Mann auf einen Baum floh und dann dort hinunter sprang, weil er ihr folgte. Der Mann wollte ohne sie nicht leben und schmiss sich hinterher – doch während sie dank um die Füße gewickelter Lianen überlebte, sprang er in den Tod. Ironisch, dass heute nur noch Männer den Ritus begehen dürfen. Wochen vor dem eigentlichen Springen bauen sie einen 15 bis 30 Meter hohen Turm, von dem zahlreiche Männer im April oder Juni jedes Jahres kopfüber herunterspringen.

Was der Reife im Weg stehen kann: zu lange Lianen

 

Russefeiring

In Norwegen sind die Russen los! Zumindest einmal im Jahr, wenn die norwegischen Schüler die „videregående skole“, die weiterführende Schule, verlassen. Da werden sie zu Russen. Das Wort „Russ“ kommt allerdings nicht von Russland, sondern vom lateinischen „cornua depositurus“, was auf Deutsch so viel wie „sich die Hörner abstoßen“ bedeutet. Dazu schmeißen sie sich in rote oder blaue Uniformen, setzen sich Mützen auf, gestalten spezielle Ausweise und feiern ausgiebig – teilweise vom Herbst an bis zum 17. Mai, dem Nationalfeiertag. An diesem Tag gibt es dann noch einen Abschiedsumzug. Die Mamas können noch mal weinen und die Kinder feiern, dass sie endlich raus in die Welt dürfen. Na dann, Skål!

Was der Reife im Weg stehen kann: Sitzenbleiben

 

Krokodils-Narben

Auf Papua-Neuguinea gibt es neben den Matausa noch einen weiteren Stamm, der ein recht morbides Initiationsritual hat. Es ist der Sipek-Stamm, der am gleichnamigen Fluss ansässig ist. Hier leben auch Krokodile, die der Stamm sehr verehrt. Wer ein echter Mann sein möchte, muss deshalb die gleiche Haut wie diese Tiere tragen. Um das zu erreichen, wird den jungen Sipek immer wieder mit scharfen Messern in den Rücken und die Oberarme geschnitten, bis hunderte kleine, aber tiefe Schnitte den Körper zieren. Das dauert mehrere Stunden und kostet die Männer viel Durchhaltevermögen. Aber das ist noch nicht alles – damit die Narben später auch das richtige Aussehen haben, provozieren die Sipek eine vermeintlich kontrollierte Infektion, indem sie die Wunden mit Lehm und Teebaumöl bestreichen, sie starkem Rauch aussetzen und in der nächsten Woche täglich mit Flusswasser abwaschen.

Was der Reife im Weg stehen kann: Kontrollverlust

 

Rinderspringen

Hier bekommt das Wort Cowboy einen völlig neuen Sinn: Beim Höhepunkt des Initiationsrituals der Hamar-Stamms in Äthopien muss der junge Stammesangehörige vier mal über eine Reihe von mehreren Seite an Seite stehenden Rindern laufen, die mit Tierkot eingeschmiert werden, damit sie auch schön rutschig sind. Das Problem: Er darf nicht stürzen, denn das wäre eine Schande. Und das alles während Freunde und Familie gespannt zuschauen. Aber was soll’s – seine jungen weiblichen Verwandten haben etwas noch Härteres durchzustehen: Bevor ein junger Hamar sein Initiationsritual begehen darf, müssen diese sich nämlich für ihn auspeitschen lassen. Warum? Damit tiefe Schuld zwischen ihnen steht. In schweren Zeiten wird der junge Mann so niemals vergessen, welchen Schmerz die Frauen bei seiner Initiation für ihn auf sich genommen haben. Ihre Narben werden ihn daran erinnern.

Was der Reife im Weg stehen kann: Rinderwahnsinn

 

spiesser4a-613x620Quinceañera/SweetSixteen/Debut

Sind die meisten hier vorgestellten Initiationsriten eher für Jungen gedacht, so gibt es dennoch auch solche, die nur Mädchen vorbehalten sind. Zum Glück des weiblichen Geschlechts sind die meisten davon eher angenehm und weniger schmerzhaft. So gibt es in manchen Ländern Südamerikas die Feier des „Quinceañera“, in den USA das „SweetSixteen“ oder auf den Philippinen das „Debut“. Ihnen allen ist gemein, dass das Ritual an einem Geburtstag des Mädchens durchgeführt wird – sei es nun am 15., am 16. oder am 18. Außerdem gibt es pompöse Kleider, feierliche Tänze, deftiges Essen und natürlich steht überall das Geburtstagskind im strahlenden Mittelpunkt. Die Schattenseite: Gerade in armen Ländern beuten sich die Eltern der Mädchen oft selbst aus, um ihren Töchtern die Feier zu ermöglichen.

Was der Reife im Weg stehen kann: Armut

 

Drogentrip – Babongo, Gabun

Ein Drogentrip gefällig? Für die Babongo in Gabun, Zentralafrika, kein Problem. Sie haben die Bwiti-Religion begründet, die auf dem Konsum der berauschenden und halluzigonen Iboga-Pflanze beruht. Wenn ein Babongo-Junge erwachsen wird, muss er einen Tag und eine Nacht lang reichlich von dieser Pflanze kosten. Man sagt, so mancher habe während des Deliriums sein Leben aus einer völlig neuen Perspektive gesehen und viel über sich gelernt. Dazu muss man wissen: Der Genuss von größeren Mengen Iboga provoziert lebensechte Wachträume – aber auch Übelkeit und Brechreiz.

Was der Reife im Weg stehen kann: zu wenig Iboga im Haus

 

Illustrationen: Eva Anhäuser

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