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Tragetuch und Familienbett

2014

Stillen bis ins Kleinkindalter? Beim „Attachment Parenting“ bestimmen Babys selbst, was sie brauchen. Das ist gar nicht so verkehrt, sagen Wissenschaftler.

Anfang des Jahres haben Anke und Camillo Helene ihr eigenes Bett sowie das ihres 16 Monate alten Sohnes Noah aus der Wohnung verbannt und durch ein Familienbett ersetzt. Es ist zwei Meter breit und soll für die drei Familienmitglieder reichen. Für wie lange? Das bestimmt Noah. Überhaupt hat der kleine Noah mit den roten Haaren, kristallblauen Augen und weißen Speckärmchen sehr viel zu entscheiden. Etwa, wie lange Anke ihn noch stillen wird, oder ob er lieber im Tuch durch die Stadt getragen werden oder doch selbst laufen möchte.

Der Trend, dem die junge Familie aus dem hessischen Darmstadt folgt, nennt sich attachment parenting. Erziehung, so die Idee, soll dann besonders erfolgreich sein, wenn die Eltern eine möglichst starke Bindung zu ihren Kindern aufbauen, indem sie sich nach deren Bedürfnissen richten. Ihr Begründer war der amerikanische Kinderarzt und achtfache Vater William Sears.

Die Idee ist zwar nicht neu, aber als Bewegung ist attachment parenting in Deutschland noch relativ jung. Ihre Anhänger – vor allem Mütter – sind in allen sozialen Medien sowie in zahlreichen Foren und Blogs aktiv. Auch Helene erzählt seit ein paar Wochen auf ihrer eigenen Website von ihrem Leben mit Noah, teilt Gedanken und gibt Tipps für Produkte, Rezepte und Literatur.

Wer sich durch die Fülle an sogenannten Mamiblogs, Foren und Facebookgruppen klickt, erkennt, dass die schreibenden Attachment-Mütter ein gemeinsames Feindbild haben – besonders das 2006 erschienene RatgeberbuchJedes Kind kann schlafen lernen von der Psychologin Annette Kast-Zahn. “Allein schon der Gedanke, dass jemand ein Kind alleine weinen lässt, bis es erschöpft einschläft, treibt mir die Tränen in die Augen”, schreibt eine Nutzerin auf der Facebook-Seite des Vereins Rabeneltern.org.

Jedes Kind kann schlafen lernen ist der meistverkaufte deutsche Elternratgeber aller Zeiten. Eine Gruppe Leser dankt in den Amazon-Bewertungen Kast-Zahn aus tiefstem Herzen, die andere warnt nachdrücklich vor dem Kauf. Dazwischen gibt es wenig.

Ein Problem der westlichen Mittelschicht

Heidi Keller, Entwicklungspsychologin an der Hebrew University in Jerusalem, hält dieses Phänomen für typisch für die westliche Mittelschicht. Keller erforscht die Erziehungsmethoden auf allen Kontinenten, vor allem in zwei verschiedenen Milieus: in der westlichen Mittelschicht und bei traditionell lebenden Bauern. “Während Eltern in Kamerun ihre Kinder wie selbstverständlich erziehen, kommt hier alle paar Jahre ein neuer Ratgeber auf den Markt, der die Debatte mit einer gegensätzlichen Meinung anheizt”, sagt Keller.

Im deutschen Fernsehen etwa schickte von 2004 bis 2011 Die Super Nanny Katharina Saalfrank auf RTL bockige Kinder auf die stille Treppe – jüngst hat die Diplom-Pädagogin allerdings ein völlig gegensätzliches Buch mit dem Titel Du bist ok, so wie du bist: Das Ende der Erziehung herausgebracht.

Die hitzigsten Debatten werden wohl unter Müttern und unter Freunden ausgetragen. Nicht selten muss sich Anke Helene gegen unbekannte Menschen verteidigen, weil sie ihrem Sohn – der laufen kann und die ersten Wörter spricht – noch immer die Brust gibt. Freunde sagen ihr, sie solle den Jungen nicht so viel tragen, sonst lerne er nicht laufen. Sie wendet sich deshalb häufig an Gleichgesinnte im Internet.

Die Ratgeber-Verlage nutzen die Unsicherheit aus

Die Psychologin Keller begründet das Phänomen damit, dass westliche Familien durchschnittlich viel kleiner seien als die der traditionell lebenden Bauern. Sie übernehmen außerdem selten die Verantwortung für die Kinder anderer Eltern. “Wer noch nie wirklich ein Kind im Arm hatte, geschweige denn an seiner Erziehung mitgewirkt hat, versucht möglichst viel darüber zu lernen”, sagt sie. Als Keller in bäuerlichen Familien in Indien danach gefragt hat, wie sie sich richtige Erziehung vorstellen, nahmen die ihre Frage oft gar nicht ernst. Denn sie vertrauen einfach auf ihr Gefühl und die eigenen Erfahrungen.

Die Unsicherheit der westlichen Mittelschicht nutzten die hiesigen Verlage aus, sagt Keller. Sie publizierten immer dann eine neue Gegenstimme, wenn sich die Debatte zu beruhigen drohe. Die vermeintlichen Experten haben zwar fast immer einen akademischen Titel, argumentieren aber selten mit empirischen Studien. “Und wenn doch, dann legen sie sie oft falsch aus”, sagt Keller.

Die Entwicklungspsychologin hat in ihren Studien vor allem eines festgestellt: Es gibt keine richtige Erziehung. “Man kann mit verschiedenen Methoden verschiedene Dinge erreichen”, sagt sie. So legten etwa afrikanische, bäuerlich lebende Mütter Wert darauf, dass ihre Kinder möglichst schnell laufen lernen und selbständig werden. In West- und Ostafrika können viele Kinder deshalb schon laufen, bevor sie ein Jahr alt werden und sind schon nach sechs Monaten trocken.

Kinder sind gelassener, wenn sie Bindung erfahren

Nur eines sei universell, sagt Keller: “Bindung braucht jedes Kind – egal unter welchen Umständen es lebt.” Da ist es wieder, dieses Schlagwort Bindung, auf Englisch attachment, worauf sich auch Anke Helene fokussiert.

Klaus und Karin Grossmann begleiten seit rund 30 Jahre lang wissenschaftlich verschiedene Familien in Deutschland und anderen Ländern und gewannen die Erkenntnis: Kinder, die wissen, dass sie sich auf ihre Eltern und ihre Bindungspersonen verlassen können, sind ausgeglichener, konzentrierter, lernfähiger und auch als Erwachsene noch psychisch stabiler als Kinder, die sich allein gelassen fühlen.

Solche sicheren Bindungen, wie das Forschungspaar Grossmann und andere Experten der Bindungstheorie sie bezeichnen, kommen dann zustande, wenn die Beziehung zwischen Eltern und Kind zwei Prinzipien folgt. “Zum einen muss das Kind immer dann Zuwendung erfahren, wenn es sie braucht”, sagt Klaus Grossmann. Das bedeutet beispielsweise, die Bindungsperson sollte es dann trösten oder ihm nah sein, wenn es traurig oder unzufrieden ist. “Zum anderen muss das Kind seine Neugier befriedigen können.” Es braucht die Freiheit, die Welt auf eigenen Beinen zu erkunden. Wer wisse, dass jemand für ihn da ist, tue das viel energetischer.

Im Extremfall verkümmert die Neugier

Ob Tragetuch, Familienbett und langes Stillen dazu beitragen, darauf wollen sich die beiden Forscher nicht festlegen. “Die Nähe kann der Beziehung sehr gut tun”, sagt Karin Grossmann. “Aber wer sein Kind beispielsweise 24 Stunden am Tag an sich kettet, der lässt seine Neugier verkümmern.” Auch müsse man unterscheiden, ob das Kind gerade ein echtes Bedürfnis hat oder seine Eltern nur springen lassen will, sagt Klaus Grossmann. Sonst laufe man Gefahr, es unselbstständig zu machen.

Ein Kind, das sich in den Schlaf schreien muss, ist sich der Zuwendung seiner Schutzbefohlenen nicht sicher. Aber ab einem gewissen Alter oder besser ab einem gewissen Bewusstsein kann ein Kind lernen, dass auch andere Menschen wie Vater und Mutter Bedürfnisse haben, die es zu respektieren gilt.

Es ist also wie so oft: Extreme sind selten gut – verhätscheln ebensowenig wie vernachlässigen. Wo die Grenzen sind, ist nicht leicht zu erkennen. Ein Familienbett und langes Stillen sagen per se nichts aus. Ob Anke und Camillo Helenes Sohn Noah eines Tages ein gefestigter Charakter sein wird, hängt nicht am Tragetuch allein. Die beiden lesen übrigens keine Elternratgeber mehr, sie sagen, sie vertrauen jetzt auf ihr Gefühl.

 

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Fotos: leticiamaria (Teaser), hugabub.com (header)

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