Foto: Thomas Pentenrieder

Was der Bauer nicht kennt …

2011

Wenn die Ferne dir zeigt, wie eng zuhause eigentlich die Grenzen der Toleranz gezogen sind.

Um das vorab zu klären: Ich liebe mein Dorf. Ich liebe es in all seiner ländlichen Schönheit und mit all seinen Bewohnern. Niemand soll diesen Artikel lesen und danach sagen, ich sei hochnäsig oder wolle meiner Heimat nichts Gutes.

Aber allein, dass ich befürchte, dass man mir ob dieses Beitrags Böswilligkeit unterstellen könnte, sagt schon einiges über meine Erfahrungen mit dem Dorfleben aus. Ich habe gute 19 Jahre lang in einem 750-Seelen-Ort im Sauerland gelebt. Hier habe ich laufen und sprechen gelernt, habe Freunde und die erste große Liebe gefunden, habe jeden Morgen eine Stunde lang bis zum nächstgelegenen Gymnasium fahren müssen und bin mindestens einmal die Woche – meistens öfter – zur Kirche gegangen.

Heide!

Ich war ein Kind der Extreme. Ich wurde geprägt von katholischen Schulen, von Großeltern, die mir zum Einschlafen „Schutzengelein, sei du mein liebes Brüderlein“ vorsangen, von Eltern, die mir ein Kruzifix über die Kinderzimmertür hängten und mich im Sonntagskleid und mit Blumenkörbchen zur Fronleichnamsprozession schickten, von Kommunionsunterricht und Jugendfahrten mit dem Pastor. Als junges Mädchen schrieb ich seitenweise Briefe an Gott und wollte unbedingt eines Tages Gemeindereferentin von Beruf werden. Ich engagierte mich mit Leib und Seele in der Kirche. Bekam meine eigene Gruppenstunde, sang jahrelang in einer Kirchenband und fuhr mit ins katholische Zeltlager und auf Firmfahrt. Bis ich in die Pubertät kam.

Plötzlich konnte ich die Bibel und all ihre Geschichten nicht mehr ernst nehmen. Für mich verwandelte sich die katholische Lehre zu einem Ammenmärchen, das die Menschen dazu bewegen sollte, Gutes zu tun. Ich hatte weiter Respekt vor dem Glauben meiner Freunde, konnte ihn aber einfach nicht mehr teilen. Als ich ihnen eines Tages im Zeltlager davon erzählte, hätte ich nicht damit gerechnet, dass es etwas ändern würde. Aber fortan wurde ich nie wieder gefragt, ob ich als Leiterin mit auf eine Jugendfahrt kommen würde.

Homo!

Man redet eben im Dorf. Mehr Folgen als der Ausschluss aus der Jugendgruppenarbeit hatte mein Geständnis aber zum Glück nicht. Schlimmer erging es einem guten Freund aus dem Nachbardorf. Nennen wir ihn Dennis. Dennis ist homosexuell. Ich war die erste, der er es je erzählt hat. Und sollte für eine lange Zeit auch die einzige bleiben. Niemand im Sauerland war homosexuell. Das war einfach so. Und wenn doch einmal jemand es zugab, galt er als „merkwürdig“ oder sogar als „krank“.

Seine sexuelle Neigung wurde für Dennis zu einer immer schwereren Last. Er bekam Depressionen und versuchte sogar einmal, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Als er auf mein Drängen hin eines Tages doch seinen Eltern erzählte, dass er schwul ist, sagten die nur: „Das geht wieder vorbei.“ Sie haben das Thema bis heute zu Hause nie wieder angesprochen. Immerhin geht es Dennis heute gut. Er ist nach Karlsruhe gezogen, wo schwul zu sein für die meisten kein Problem ist.

Ossi!

Immerhin: Rassisten sind mir in meiner Heimat nie untergekommen, gegen Ausländer hat hier niemand etwas – zumindest habe ich in meinem Umfeld nie etwas in dieser Richtung mitbekommen. Der Chor aus Südafrika, der zum Weltjugendtag da war, durfte spontan in privaten Betten übernachten, und ich habe noch nie ein schlechtes Wort über die Thailänderin und die Brasilianerin gehört, die von zwei bis dahin als „ewige Junggesellen“ verschrienen Männern ins Dorf gebracht wurden.

Trotzdem haben es Fremde nicht leicht sich hier zu integrieren – und damit meine ich nicht Ausländer im klassischen Sinne. Zugezogene müssen mindestens einem Verein beitreten, ansonsten werden sie für immer ignoriert – maximal wird dann darüber gelästert, dass „die Ossis im Jogginganzug spazieren gehen“. Als mein Freund Michael seine neue Freundin aus Rheinland-Pfalz mit zum Schützenfest brachte, hatte sie es nicht leicht. Smalltalk liegt dem gemeinen Sauerländer einfach nicht. Dieser schaut, anstatt sich mit ihr wenigstens übers Wetter oder das Fest zu unterhalten, einfach verstohlen in sein Bierglas. Als ich mich ihrer annahm, bedankte sich Michael nach einer Weile bei mir – vorher hatten alle sie ignoriert.

Anders!

Anders ist es, wenn es um die eigenen Nachbarn geht. Und in einem 750-Seelen-Kaff ist das eigentlich jeder. Da sitzen die älteren Herrschaften nachts auf dem Balkon, um genau mitzubekommen, was die Jugend treibt, wer nicht so keusch und asketisch ist, wie die katholische Kirche es gern hätte. Kriegen die Dörfler sonst ihre Münder nicht auf, zerreißen sie sich eben diese jetzt.

Ich weiß nicht genau, mit wie vielen Jungs aus dem Sauerland ich laut der Dorfbewohner angeblich schon geschlafen habe, wie oft ich schwanger war und welche Drogen ich schon genommen habe. Aber ich weiß, dass meiner Mutter nach der Weihnachtsmesse zu verstehen gegeben wurde, dass mein Rock zu kurz sei, dass das ganze Dorf lange vor ihr wusste, dass meine Schwester schwanger ist, und dass der Freund meiner besten Freundin sicher ist, ich wäre mit dem halben Dorf im Bett gewesen.

Weite Teile dieses Verhaltens sind mir selbst erst bewusst geworden, als ich schon lange zum Studieren nach Darmstadt gezogen war. Dass viele der Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, vor Borniertheit nur so strotzen, war eine harte Lehre für mich. Ich kannte es ja nicht anders und hatte es – vermutlich deshalb – bis dahin auch nie kritisch gesehen. Das macht mich also kein bisschen besser als die Leute aus meiner Heimat. Aber heute weiß ich, wie wahr der Satz ist: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

 

Foto: Thomas Pentenrieder

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